Zu Gast im EDITO

EDITO-Chefredaktor Philipp Cueni hat mich um ein paar Gedanken zur Schliessung der Kommentar-Spalte bei meinem früheren Arbeitgeber gebeten. Da konnte ich nicht nein sagen.


Befürwortern offener Diskussionskultur im Internet bläst seit einiger Zeit ein eisiger Wind entgegen: Online-Portale schliessen ihre Kommentarspalten, Diskussions-Moderatoren strecken angesichts unaufhaltsamer Troll-Armeen ihre Waffen, das Gespräch über mediale Inhalte wird auf soziale Medien ausgelagert, wo es in tausenden von Filterbubbles zersplittert. Anfang Februar hat auch die Neue Zürcher Zeitung diesen Schritt vollzogen und das standardmässige Kommentarfeld unter ihren Artikeln geschlossen. Stattdessen lädt sie ihre Leser:innnen dazu ein, Meinungen und Argumente bei drei ausgewählten Artikeln pro Tag auszutauschen. Und begleitet diese Debatten eng.

Der Schritt ist nachvollziehbar: Die Qualität der Kommentare hat einen Effekt auf die Wahrnehmung der redaktionellen Inhalte durch die schweigende Mehrheit. Wer sich in die Niederungen der Kommentarghettos begibt, wird nicht selten in seinem Glauben an die Menschheit erschüttert, obwohl er nur diejenigen Wortmeldungen sieht, die von Community-Managern als publikationsfähig erachtet wurden. Spricht man mit Moderatoren, also denjenigen, die sich tagtäglich der ungefilterten Mischung aus Ignoranz, Aggressivität und ja – auch geballter Dummheit gegenüber sehen, verdüstert sich das Bild weiter.

Heute gilt mehr denn je: Redaktionelle Ressourcen sind nicht unendlich und müssen effizient eingesetzt werden. Das Betreuen einer Diskussion ist sehr arbeitsintensiv. Als Community-Manager steht man vor der Frage, ob man viele Diskussionen ein wenig oder wenige Diskussionen intensiv betreuen möchte. Die NZZ hat sich für Letzteres entschieden und die bisherigen Resultate scheinen ermutigend: Klasse statt Masse.

Ich gehöre zu den eingangs erwähnten Befürwortern eines möglichst offenen Austauschs von Informationen, Meinungen und Argumenten. Und habe deshalb gewisse Bedenken gegenüber einer restriktiven Handhabung des Austauschs mit der Community: Welche Diskussionen finden gar nicht erst statt, weil man die falschen Artikel für die Debatten ausgewählt hat? Wandern diese Äusserungen und mit ihnen die Aufmerksamkeit der Leser damit weiter zu Facebook und Konsorten ab? Kriegen wir das überhaupt mit? Wo ist der Platz für Unvorhergesehenes? Und weiter gedacht: Wie können wir das Expertenwissen, das in den Köpfen der schweigenden Mehrheit schlummert, auf unsere Plattform bringen? Wie können wir Meinungen und Ideen aus unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Lagern zusammen bringen?

Ich bin überzeugt, dass wir weiterhin intensiv nach Antworten auf solche Fragen suchen müssen. Weil eine lebendige, konstruktive Community – das zeigen Beispiele wie das niederländische DeCorrespondent eindrücklich – eine inhaltliche Bereicherung, eine starke Differenzierungsmöglichkeit und damit ein entscheidender Erfolgsfaktor für moderne Medienorganisationen sein kann.


Gedruckte Fassung

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