pop.culture.lab 006

Soundtrack:

Empire of the Sun – Walking on a Dream

Animal Collective – My Girls

The KLF – What Time Is Love?

Ein sehr guter Freund von mir hat ein etwas seltsames Problem mit seinem Leben: Er wünscht sich nichts sehnlicher, als ein paar Jahre früher geboren zu sein. Und zwar einzig aus dem Grund, weil er dann den englischen Summer of Love 1989 miterlebt hätte. Er hätte gemeinsam mit der gesamten Jugend Grossbritanniens an illegalen Grossraves irgendwo in der hügeligen Countryside getanzt. Er hätte Ecstasy und LSD genommen. Er hätte die unglaubliche Euphorie miterlebt, welche die drogenbeflügelte Explosion der Dancemusik innert wenigen Jahren zu einem globalen Phänomen werden liess. Ein paar Jahre Zuspätaufdieweltkommen haben ihn all dieser Erlebnisse beraubt.

Ok, das ist eine ziemlich extreme Form der Vergangenheitsverklärung und hat damit eher anekdotischen Wert, als sonst irgendwas (vielleicht noch: sie liefert einen schönen Einstieg zum popculture lab dieses Monats). Aber tatsächlich ist die romantisch-glückselige Verklärung der Vergangenheit gerade in der Clubkultur derart verbreitet, dass ich diesem Phänomen mal ein paar Gedanken widmen möchte. Welcher Konzert- oder Partygänger, der seit mehr als zwei Jahren unterwegs ist, hat den Ausspruch „früher war alles besser“ noch nie gehört? Wer hat ihn selber noch nie mit einem leichten Seufzen dahin gesagt, oder zumindest heimlich gedacht? Eben. Und aus subjektiver Sicht ist es wohl auch jedes Mal richtig, der Vergangenheit eine Träne zu widmen. Denn damals (das für jeden ein anderes ist) war alles frisch. Neu. Und brannte sich deshalb für immer ins Gedächtnis ein. Das gilt insbesondere für die ersten Abenteuer im Nachtleben. Ans erste Besäufnis erinnert sich wohl jeder. Ebenso deutlich, wie ans erste Konzert, die erste durchtanzte Nacht. Unabhängig davon, wie beschissen man sich zu dem Zeitpunkt tatsächlich fühlte – Pubertät, Alkohol/Kater, erste mühselige Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht – in unserer Erinnerung erlebten wir die Zeit unseres Lebens. Egal, was man seither so getrieben hat, diese Momente empfindet jeder als derart weltbewegend grossartig, dass die meisten Nächte seither nur ein blasser Abklatsch, oder schlimmer eine endlose (langweilige) Wiederholung davon sind. Mit vielen, vielen Ausnahmen, selbstverständlich. Aber: You get the point.

Wenn jemand also sagt, „früher war alles besser“, kann das für ihn durchaus stimmen. Aber es ist nie die absolute Wahrheit, es ist nie eine Tatsache. Ich bin nämlich fest überzeugt davon, dass die grosse Masse der Nachtvögel genau JETZT den Buzz des Neuen erlebt. Sie fühlt sich JETZT, als ob sie die Welt umarmen könnte. Sie erlebt JETZT, was andere als „gute alte Zeiten“ bezeichnen. Die Erkenntnis, dass das Nachtleben zu 90% aus Wiederholung besteht, muss hart erfeiert werden. Bei den einen kommt sie schneller, bei anderen langsamer. Und bei einigen gar nie. Und das ist gut so. Ich glaube es ist ganz wichtig, sich ans menschliche Naturell zu erinnern, wenn man wieder mal unzufrieden ist mit dem, was man im Club des Vertrauens erlebt hat. Denn dann sind die „guten alten Zeiten“ genau das: Gut. Aber nicht unendlich viel besser als das JETZT.

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