pop.culture.lab 005

Soundtrack:

Plastikman – Spastik

Hercules & Love Affair – Blind

Antony and the Johnsons – Epilepsy is Dancing

Disclaimer: Ich bin ein grosser Internet-Evangelist. Manche würden mich auch als fanatisch bezeichnen. Die Partyszene wurde vom Netz komplett auf den Kopf gestellt. Fotoblogs und Partypic-Sites (mit oder ohne angeschlossenes Social Network) haben massive Auswirkungen auf die Entscheidung für oder gegen eine Veranstaltung, auf das Styling, auf das Verhalten an der Party und auf die Nachbearbeitung (sprich: klar machen von Dates mit neuen Bekanntschaften) der nächtlichen Abenteuer. Dieser Aspekt ist das Eine. Weniger offensichtlich ist, welche Auswirkungen das Netz auf die Clubmusik selbst hat.

Wenn ich mir heute ein DJ-Set von stilprägenden Künstlern wie Holy Ghost, Cut/Copy oder Joakim anhöre, dann zeichnen sie sich vor allem durch ihre Unberechenbarkeit aus. Da kann schon mal ein Song von Fleetwood Mac auf einen House-Klassiker folgen, um in einem Disco-Track des grandiosen LCD Soundsystem zu münden. Stilgrenzen, Jahreszahlen, Tempi – alles nur noch da, um wild durcheinander gewürfelt zu werden. Wichtig ist einfach, dass die Auswahl cool und letztendlich stimmig ist. Beliebig ist das nicht.

Durch das Internet ist das gesamte Musikarchiv der Menschheit grundsätzlich nur noch einen Mausklick von der eigenen Festplatte entfernt, man muss sich also musikalisch nicht mehr auf ein zwei Styles beschränken, wie das in den 90ern noch der Fall war. Und das hat fundamentale Auswirkungen auf den Geschmack einer Generation, die musikalische Schranken (Crate-Digging? Was ist das? à Googlen) gar nicht mehr kennt.

DJs mit Tausenden von Tracks auf ihrem Laptop spielen andere Sets, als solche, die den Abend mit einer begrenzten Anzahl von Platten bestreiten müssen. Und ein Publikum, das seine gesamte Musik-Sammlung in der Hosentasche dabei hat, wird auf andere Musik abfahren, als die 90er-Crowd mit ihren Walkmen am Gürtelclip. Ich rede hier von Parties, an denen sich die Leute darum kümmern, was ihnen musikalisch vorgesetzt wird. Denn die traurige Realität ist, dass es einem grossen Teil der Bevölkerung schnurzpiepegal ist, was läuft. Solange es nur schön catchy, freundlich und vielleicht noch ein bisschen sexy ist.

Der grosse Reiz von Techno und all seinen Spielarten liegt in seiner Gleichförmigkeit. Natürlich gibt es auch hier Melodien, Breaks und damit Abwechslung. Das Tempo aber bleibt die ganze Nacht über weitgehend gleich, schockierende Brüche sind die absolute Ausnahme. Elektronische Tanzmusik lebte lange vom seinem Flow und davon, dass sich die Tanzenden diesem hingeben. Erst so erschliesst sich einem die Schönheit von Techno. Beschäftigt man sich mit den Auswirkungen des Internet und des damit eng verknüpften digitalen DJing auf die Clubkultur, dann ist es nicht erstaunlich, dass von Techno und seinen Spielarten heute nur noch selten Impulse ausgehen, die über die Szene-Dancefloors hinaus Gehör finden. Diese Rolle haben längst andere Musiker übernommen. Solche, die mit einer unglaublichen Nonchalance an die letzten 50 Jahre Musikgeschichte herangehen und das gesamte Archiv als riesengrosse Lego-Kiste begreifen, aus der sich immer neues Dancefloor-Spielzeug basteln lässt. Mash-Up ist das Wort der Stunde, wenn es darum geht, frischen Wind auf die Tanzfläche zu zaubern. Ob dieser nun in der multikulturellen Form einer M.I.A. daher kommt oder ob er mit der hochgereckten Faust von Justice den Takt angibt, ist dabei einerlei: Hauptsache, es rockt.

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