pop.culture.lab 003

Soundtrack: Kanye West vs. Radiohead – Reckoner Lockdown

Dee Lite – Groove Is in the Heart

Kylie Minogue – Can’t Get You Out of my Head

Disclaimer: Ich bin jetzt 30. Als ich vor 15 Jahren mit meinen Kumpels die ersten Parties im Hirschi-Keller schmiss, tanzten im Publikum fast nur Freunde, Kollegen und Menschen, die man von woauchimmer kannte. Wir waren alle ungefähr gleich alt und gleich hungrig auf Abenteuer, zumindest nahm ich das so wahr. Wie das so ist in dem Alter, war jede Party neu, jede Party einzigartig und damit jedes Wochenende legendär. Die folgenden Jahre verbrachte ich partytechnisch zu einem grossen Teil als DJ hinter Plattentellern. Ein perfekter Ort, um zu beobachten. Die Freunde von damals feierten sich, uns und die Welt weiterhin, als ob es kein morgen gäbe – ich mit ihnen. Und immer öfter mischten sich neue Gesichter unter unsere wachsende Wochenend-Gemeinschaft, sie wurden begeistert aufgenommen.

Irgendwann begann eine Entwicklung, die ebenso unerwartet, wie unvermeidbar war: Die Anzahl neuer Freunde auf der Tanzfläche nahm ständig zu, während die Exzesse meiner alten Kampfgefährten langsam sporadischer wurden. Einige von ihnen entdeckten die Instant-Freuden einfacher Scheiaweia-Mucke (80s, Oldies) und feierten anderswo in Lackschuhen weiter, andere verabschiedeten sich fürs Studium in fremde Städte und einige wenige – diese Gruppe bereitete mir am meisten Sorgen – begannen das Interesse am Hedonismus auf dem Dancefloor und parallel dazu auch an den Herausforderungen neuer, unbekannter Musik langsam zu verlieren. Abendessen im kleinen Kreis und so. Nicht so anstrengend.

Das exzessive Nachtleben ist etwas für Menschen mit einem Sprung in der Schüssel – was unter den richtigen Umständen ein wunderbares Kompliment ist. Das war mir irgendwie schon immer bewusst. Den endgültigen Beweis für diese Annahme erbrachten Reisen in die grossen Städte dieser Welt: Ich legte in Barcelona, Berlin, Jakarta auf, sah wie die Menschen dort feierten. Und wie dort in den Clubs auch Menschen mit grauen Haaren völlig unpeinlich eine ganze Menge Style zur Schau stellen konnten. Vielleicht, so überlegte ich mir, zieht es eine bestimmte Art von Mensch (eben die mit diesem wunderbaren Sprung in der Schüssel) irgendwann zwangsläufig in eine Grosstadt, weil sie sich nur dort in einer Community von Gleichgesinnten bewegen kann. Die Art von Mensch, die sich auch jenseits der 30er-Schallgrenze eine Neugier für aktuelle Entwicklungen des Nachtlebens bewahrt hat. Die vielleicht auch noch einen Sinn für Fashion hat. Die sich nicht darüber freut, das immergleiche Standard-Programm abzuspulen. Und diese Menschen fehlen dann hier bei uns.

Für meine Arbeit als Journalist rede ich oft mit DJs. Aus verschiedensten Szenen. Die meisten von ihnen sind über 20 (ich habe das Gefühl, Newcomer am Plattenteller sind heute rarer gesät, denn je) und machen dieselbe Beobachtung: Bei uns ist das heftige Partymachen als Selbstzweck für eine Mehrheit der Leute nur eine auf den Übergang vom Teen zum Twen begrenzte Phase in ihrem Leben. Diejenigen, die den Spass am Nachtleben als Lebenshaltung sehen, fühlen sich irgendwann unwohl in einem Publikum, das rein biologisch bald auch der eigene Nachwuchs sein könnte. Und bleiben zuhause, oder ziehen weg. Öffentliche Parties für ältere Semester sind bei uns alles andere, als Selbstzweck, wie ich im Selbstversuch feststellen musste: Vor einiger Zeit wagte ich mich an eine offiziell deklarierte Ü-25-Party. Ich wollte wissen weshalb sich diese Art der Veranstaltung plötzlich so explosionsartig verbreitet hatte. Mein mulmiges Magengefühl bestätigte sich: Statt Freude an der Musik und ausgelassenem Hedonismus, beäugten sich die angehenden 30er mit akuter Torschlusspanik verzweifelt. “Bist du es ? Oder du? Oder du?” sagten ihre rastlos umherwandernden Blicke. Die Musik spielte überhaupt keine Rolle, solange sie einen Beat hatten, zu dem man die eigene Lockerheit mit einem beherzten Hüftschwung beweisen konnte. Das kann es doch nicht sein, dachte ich mir. Und ging nach Hause.

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