pop.culture.lab 002

Soundtrack:

Capleton – Slew Dem (1999)

Capleton – Top a Tings (2006)

TV on the Radio – Love Dog (POP.IST.NIE.BESSER.ALS.JETZT)

Das Thema dieser Kolumne liegt durch die musikalischen Highlights des November-Programms auf der Hand. Und ich hab erst einmal leer geschluckt. Denn mit Capleton kommt ein Reggae-Sänger in die Kaserne, der umstritten ist. Und das ist jetzt noch fein ausgedrückt. Im Mai kochten die Emotionen schon einmal hoch, als Sizzla, ein Kumpel von Capleton, in der Roten Fabrik spielte. Beide haben in der Vergangenheit zur Gewalt gegen Schwule aufgerufen, der Aufschrei der Gay-Community ist deshalb durchaus nachvollziehbar. Ebenso nachvollziehbar ist der altbekannte Verteidigungsreflex der Reggaefreunde: Kulturimperialismus! Unverständnis für die Lebensumstände in Jamaika! Und: das alles sei in Wirklichkeit ja eigentlich metaphorisch gemeint und deshalb nicht ganz wörtlich zu nehmen.

Ja, ja, ja. Recht haben beide Gruppen, irgendwie. Es ist eine Diskussion, die wohl niemals endgültig abgeschlossen wird. Und trotzdem geführt werden muss. Bei all der Aufregung wird vergessen, dass es hier um Musik geht, um Popkultur. Und diese lebt immer auch von Widersprüchen, von Affronts, von Anstössigkeiten. Das ist bei vielen global operierenden Rap-Schwergewichten nicht anders, sie kombinieren Homophobie dann gleich noch mit Frauenverachtung und Gewaltverherrlichung. Maximaler Impact = maximale Gewinne. Trotzdem ist das Heulen im Blätterwald hier mittlerweile deutlich abgeklungen: Bushido, Eminem und ihre Thugs haben mit verbalen Rammböcken kulturelle Bollwerke gestürzt. Sie gehören heute zum etablierten Konzertbetrieb, zieren die Titelseite der Bravo, veröffentlichen Bücher, kleiden die Kids ein. Und keiner regt sich darüber auf. Zumindest nicht mehr laut genug, als dass es über das Informations-Grundrauschen hinaus gehen würde. Vielleicht weil verstanden wurde, dass der Ruf nach Zensur nutzlos, oft sogar kontraproduktiv ist. Er erstickt nicht nur den Dialog im Keim, sondern gibt den indizierten Künstlern den Ritterschlag des Verbotenen, macht sie unter Umständen erst dadurch gross. Und wirft dann die eine oder andere Crib ab, mit der man auf MTV protzen darf.

Ich würde behaupten, dass in unseren Breitengraden die grosse Mehrheit der Besucher von Reggae-, oder Hip-Hop-Veranstaltungen wegen der Musik, den fetten Beats, dem Happening hingeht. Die meisten verstehen die Texte nicht, oder kümmern sich nicht darum. Was zählt ist die unbändige Energie der Musik. Sie ist unbestritten. Das ist der Grund, weshalb Veranstalter, selbst wenn sie in traditionell randgruppenfreundlichen Häusern wie der Roten Fabrik oder der Kaserne tätig sind, nicht auf kontroverse Acts verzichten wollen. Sie verstehen, dass Widerspüchlichkeit integraler Bestandteil der Popkultur ist und dass man dieser Tatsache Rechnung tragen sollte, wenn man relevant sein will. Man kann Popmusik nicht einfach bedingungslos gut oder bedingungslos schlecht finden, dafür ist sie zu komplex. Kleine Randnotiz: Capleton gehört zu den Sängern, die den „Reggae Compassion Act“ unterschrieben haben. Ein Dokument verschiedener Schwulenorganisationen, in dem er sich öffentlich dazu bekennt, dass „Rassismus, Gewalt, Sexismus und Homophobie“ keinen Platz in der Musik haben und sich dazu verpflichtet, keine schwulenfeindlichen Songs mehr zu singen. Ein 50 Cent würde sich mit einem solchen Schriftstück wohl den Hintern abwischen. Man kann das als scheinheilige Imagepflege des Jamaikaners betrachten. Aber wir alle wissen: die Hoffnung stirbt zuletzt. Will man sie mit einem kompromisslosen Boykott wirklich lebendig begraben?

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