Journalismus als Teil eines Informations-Ökosystems: Meine 2 Cents zu watson

Die Flut von Artikeln zum Start von watson unterstreicht eindrücklich, was Oswald Martin hier so eloquent schreibt: Viele Journalisten haben das Projekt mit grosser Spannung erwartet und wünschen der Crew Erfolg bei ihrem Unterfangen, mit neuen Ansätzen frischen Wind in eine zutiefst verunsicherte Branche zu bringen.

Naturgemäss konzentrierte man sich so kurz nach dem Start – fast alle Texte wurden in den ersten zwei Tagen nach dem Launch veröffentlicht – vor allem auf Äusserlichkeiten.

Auf lange Sicht wird aber ein anderer Faktor matchentscheidend sein: Der Inhalt. Und diesbezüglich hat die Redaktion gestern kurz aufscheinen lassen, wie sie die Konkurrenz abtrocknen kann.

Kurze Recap: Am Morgen nach der Verleihung der Grammys lupfte es Altjazzer Bruno Spoerri in den Kommentarspalten von srf.ch den Hut:

 

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Die SRF-Redaktion reagierte umgehend, gleiste ein Radio-Interview mit dem Produzenten auf und kündigte das via Twitter an. Ich gehe davon aus, dass Maurice Thiriet kein systematisches Kommentarspalten-Monitoring bei der Konkurrenz betreibt (obwohl ihm das durchaus zuzutrauen wäre), sehr wohl aber einen Twitterfeed auf seinem zweiten Schirm laufen hat. Dort sah er wohl den Hinweis auf die Geschichte, zählte 1 und 1 zusammen und nahm den Telefonhörer in die Hand. Das Resultat: Obwohl die Geschichte ihren Ursprung bei SRF hatte (wo irgendwann ein entsprechender Radiobeitrag ausgestrahlt wurde, den ich aber nirgendwo verlinkt sehe), war watson mit der Geschichte zwei entscheidende Stunden früher online und konnte so einen schönen Primeur verbuchen. Wenig später war die Geschichte bereits mit einem nett gemachten, via YouTube publizierten Video-Interview angereichert. Eine in Rekordzeit veröffentlichte, sich über den Tag weiter entwickelnde Story: Prozessjournalismus in Reinkultur.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen, gerade wenn es um den Erfolg in Social Media geht, wo ein Titel für sich alleine ausserhalb des Portal-Kontexts funktionieren muss: Während der SRF-Artikel mit einem relativ handzahmen Fragezeichen-Titel im Newsfeed wohl eher für ein lauwarmes meh sorgt,

 

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trägt man bei watson richtig dick auf

 

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und relativiert die Aussage erst im letzten Abschnitt des Textes mit einer alibimässigen Unschuldsvermutung.

Wie sich das auf die Leserzahlen niederschlägt, lässt sich von aussen nicht feststellen. Der Zuspruch via Social Media lässt aber den Schluss zu: Hat funktioniert. Während die watson-Story bislang 484 Reaktionen auf Facebook auslöste, sind es bei srf.ch gerade mal 5. Ein wenige Tage alter Newcomer übertrifft einen der grössten Player des Landes diesbezüglich um den Faktor 100. Das muss man erst mal schaffen.

Was dieses Beispiel illustriert: In einem vernetzten Informations-Ökosystem sind Faktoren wie ein gut sortierter Twitterfeed (oder ein noch ausgefeilteres Themenmonitoring), Geschwindigkeit, prozessuales Denken und das plattformgerechte Aufbereiten und Ausspielen der darauf basierenden Inhalte viel Wert. Fähigkeiten also, die in traditionellen Redaktionsstuben oft noch nicht so gut verankert sind. Das ist die grosse Chance von Hansi und seinem Team.

Update (4.2.2014): Die Uni St. Gallen hat 2012 einen sehr lesenswerten Artikel zum Thema Netzwerk-Journalismus veröffentlicht, frei verfügbar als pdf.

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