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Tag Archives: pop.culture.lab

Soundtrack:

Hot Chip – Boy from School

New Order – Blue Monday

La Roux – In For The Kill

Neulich war ich an der Afterparty einer Modeschau. Es war toll. Schon zwei Tage im Voraus redete die Geschmackspolizei, also die Leute, welche Veranstalter (aus Gründen, auf die ich später zurückkommen werde) am liebsten an ihren Parties tanzen sehen, davon. Gibt es noch Tickets? Muss man früh da sein, um reinzukommen? Gehst du auch schon zur Modeschau um acht? Oder erst an die Party? Hast du schon Tickets? Es ist anscheinend schon ausverkauft! Es gab viel zu bereden. Statt mit einer Modeschau, wärmte ich mich mit einem netten Karaokeabend für diese Zelebrierung eidgenössicher Couture-Avantgarde auf. Am Laufsteg langweile ich mich nun einmal immer so schnell, da mögen die Models noch so grazil verpackt über die Bretter schweben. Nichts gegen Mode an sich, Karaoke ist halt einfach noch einen Tick lustiger.

Als ich gegen eins auf dem Kasernenareal eintraf, fiel mir als erstes die unglaubliche Fahrraddichte auf dem Trottoir auf. Ein todsicheres Zeichen für volles Haus. Und vor der Kasse eine lange Schlange – die sich nicht bewegte. Ausverkauft. Dank einer gesunden Portion Vitamin B kam ich trotzdem rein. Und all meine Erwartungen wurden erfüllt: Schöne, gut angezogene, interessante Menschen, wo man hinschaute. Die meisten in angeregte Gespräche versunken. Wohl darüber, wie gut sie aussehen. Oder wie gut die Kleiderkreationen der Diplomanden aussahen. Oder die Models. Ich sah natürlich auch gut aus und konnte mich so unerkannt unter den Fashionistas bewegen, keiner hätte geahnt, wo ich bisher gewesen war. Schliesslich kam ich auf dem Dancefloor an. Schon weniger dicht, die Atmosphäre hier. Penetrante Beats brüllten aus den Boxen, Partymucke der einfacheren Sorte – für jeden was dabei, irgendwie. Es waren DJs aus – oh la la – Paris, mit coolen Tracks auf dem Laptop. Eigentlich. Diejenigen, die sie dann spielten, waren aber grösstenteils nichtssagend. Bis auf Blue Monday von New Order. Aber selbst dieser Übersong kümmerte die Menschen im Raum nur am Rande.

Denn – und darauf will ich die ganze Zeit schon hinaus – es gibt Parties, an denen es im Grunde genommen scheissegal ist, was für Musik läuft. So lange sie nicht allzu fest stört beim Spass haben. Diese Art von Parties funktioniert rein und ausschliesslich über den Buzz (Achtung, englisches Wort) im Vorfeld. Wie wird eine Party zum Place2Be, fragen sie sich nun bestimmt. Das frage ich mich auch. Hätte ich die Formel, wäre ich nämlich ein reicher Mann. Ich kann nur raten. Und dann würde ich behaupten, dass es ganz sicher mit den Menschen hinter der Party zusammenhängt und mit den glamourösen Erwartungen, die mit ihrer Anwesenheit verbunden sind. Eine gewisse Exklusivität spielt definitiv auch eine Rolle – schliesslich freut sich jeder darüber, dazu zu gehören. Und wenn man „drin“ ist, hat man das ein kleines bisschen geschafft. Jedenfalls sehr viel mehr, als die die „draussen“ in der Schlange stehen. Der jährlich wiederkehrende Wahnsinn um die ArtParty ist ein wunderschönes Beispiel für die Art Feierei (Wortspiel. lustig?), die ich hier beschreibe. Als dort dieses Jahr mit Hot Chip eine der ultimativen Hipster-Bands der Saison auf der Bühne standen, waren sie nur wenig mehr, als eine laute Kulisse. Viel zu sehr waren die Gäste mit sich selbst beschäftigt, um noch Hirn- und damit Euphoriekapazität für eine der grossartigsten Bands unserer Zeit zu haben. Aber egal. Ich selber bin da keine Ausnahme: Der Buzz um diese Art von Parties verfehlt seine Wirkung auch bei mir nicht. Wenn es irgendwie geht, bin ich immer dabei. Und freue mich darüber.

Soundtrack:

Empire of the Sun – Walking on a Dream

Animal Collective – My Girls

The KLF – What Time Is Love?

Ein sehr guter Freund von mir hat ein etwas seltsames Problem mit seinem Leben: Er wünscht sich nichts sehnlicher, als ein paar Jahre früher geboren zu sein. Und zwar einzig aus dem Grund, weil er dann den englischen Summer of Love 1989 miterlebt hätte. Er hätte gemeinsam mit der gesamten Jugend Grossbritanniens an illegalen Grossraves irgendwo in der hügeligen Countryside getanzt. Er hätte Ecstasy und LSD genommen. Er hätte die unglaubliche Euphorie miterlebt, welche die drogenbeflügelte Explosion der Dancemusik innert wenigen Jahren zu einem globalen Phänomen werden liess. Ein paar Jahre Zuspätaufdieweltkommen haben ihn all dieser Erlebnisse beraubt.

Ok, das ist eine ziemlich extreme Form der Vergangenheitsverklärung und hat damit eher anekdotischen Wert, als sonst irgendwas (vielleicht noch: sie liefert einen schönen Einstieg zum popculture lab dieses Monats). Aber tatsächlich ist die romantisch-glückselige Verklärung der Vergangenheit gerade in der Clubkultur derart verbreitet, dass ich diesem Phänomen mal ein paar Gedanken widmen möchte. Welcher Konzert- oder Partygänger, der seit mehr als zwei Jahren unterwegs ist, hat den Ausspruch „früher war alles besser“ noch nie gehört? Wer hat ihn selber noch nie mit einem leichten Seufzen dahin gesagt, oder zumindest heimlich gedacht? Eben. Und aus subjektiver Sicht ist es wohl auch jedes Mal richtig, der Vergangenheit eine Träne zu widmen. Denn damals (das für jeden ein anderes ist) war alles frisch. Neu. Und brannte sich deshalb für immer ins Gedächtnis ein. Das gilt insbesondere für die ersten Abenteuer im Nachtleben. Ans erste Besäufnis erinnert sich wohl jeder. Ebenso deutlich, wie ans erste Konzert, die erste durchtanzte Nacht. Unabhängig davon, wie beschissen man sich zu dem Zeitpunkt tatsächlich fühlte – Pubertät, Alkohol/Kater, erste mühselige Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht – in unserer Erinnerung erlebten wir die Zeit unseres Lebens. Egal, was man seither so getrieben hat, diese Momente empfindet jeder als derart weltbewegend grossartig, dass die meisten Nächte seither nur ein blasser Abklatsch, oder schlimmer eine endlose (langweilige) Wiederholung davon sind. Mit vielen, vielen Ausnahmen, selbstverständlich. Aber: You get the point.

Wenn jemand also sagt, „früher war alles besser“, kann das für ihn durchaus stimmen. Aber es ist nie die absolute Wahrheit, es ist nie eine Tatsache. Ich bin nämlich fest überzeugt davon, dass die grosse Masse der Nachtvögel genau JETZT den Buzz des Neuen erlebt. Sie fühlt sich JETZT, als ob sie die Welt umarmen könnte. Sie erlebt JETZT, was andere als „gute alte Zeiten“ bezeichnen. Die Erkenntnis, dass das Nachtleben zu 90% aus Wiederholung besteht, muss hart erfeiert werden. Bei den einen kommt sie schneller, bei anderen langsamer. Und bei einigen gar nie. Und das ist gut so. Ich glaube es ist ganz wichtig, sich ans menschliche Naturell zu erinnern, wenn man wieder mal unzufrieden ist mit dem, was man im Club des Vertrauens erlebt hat. Denn dann sind die „guten alten Zeiten“ genau das: Gut. Aber nicht unendlich viel besser als das JETZT.

Soundtrack:

Plastikman – Spastik

Hercules & Love Affair – Blind

Antony and the Johnsons – Epilepsy is Dancing

Disclaimer: Ich bin ein grosser Internet-Evangelist. Manche würden mich auch als fanatisch bezeichnen. Die Partyszene wurde vom Netz komplett auf den Kopf gestellt. Fotoblogs und Partypic-Sites (mit oder ohne angeschlossenes Social Network) haben massive Auswirkungen auf die Entscheidung für oder gegen eine Veranstaltung, auf das Styling, auf das Verhalten an der Party und auf die Nachbearbeitung (sprich: klar machen von Dates mit neuen Bekanntschaften) der nächtlichen Abenteuer. Dieser Aspekt ist das Eine. Weniger offensichtlich ist, welche Auswirkungen das Netz auf die Clubmusik selbst hat.

Wenn ich mir heute ein DJ-Set von stilprägenden Künstlern wie Holy Ghost, Cut/Copy oder Joakim anhöre, dann zeichnen sie sich vor allem durch ihre Unberechenbarkeit aus. Da kann schon mal ein Song von Fleetwood Mac auf einen House-Klassiker folgen, um in einem Disco-Track des grandiosen LCD Soundsystem zu münden. Stilgrenzen, Jahreszahlen, Tempi – alles nur noch da, um wild durcheinander gewürfelt zu werden. Wichtig ist einfach, dass die Auswahl cool und letztendlich stimmig ist. Beliebig ist das nicht.

Durch das Internet ist das gesamte Musikarchiv der Menschheit grundsätzlich nur noch einen Mausklick von der eigenen Festplatte entfernt, man muss sich also musikalisch nicht mehr auf ein zwei Styles beschränken, wie das in den 90ern noch der Fall war. Und das hat fundamentale Auswirkungen auf den Geschmack einer Generation, die musikalische Schranken (Crate-Digging? Was ist das? à Googlen) gar nicht mehr kennt.

DJs mit Tausenden von Tracks auf ihrem Laptop spielen andere Sets, als solche, die den Abend mit einer begrenzten Anzahl von Platten bestreiten müssen. Und ein Publikum, das seine gesamte Musik-Sammlung in der Hosentasche dabei hat, wird auf andere Musik abfahren, als die 90er-Crowd mit ihren Walkmen am Gürtelclip. Ich rede hier von Parties, an denen sich die Leute darum kümmern, was ihnen musikalisch vorgesetzt wird. Denn die traurige Realität ist, dass es einem grossen Teil der Bevölkerung schnurzpiepegal ist, was läuft. Solange es nur schön catchy, freundlich und vielleicht noch ein bisschen sexy ist.

Der grosse Reiz von Techno und all seinen Spielarten liegt in seiner Gleichförmigkeit. Natürlich gibt es auch hier Melodien, Breaks und damit Abwechslung. Das Tempo aber bleibt die ganze Nacht über weitgehend gleich, schockierende Brüche sind die absolute Ausnahme. Elektronische Tanzmusik lebte lange vom seinem Flow und davon, dass sich die Tanzenden diesem hingeben. Erst so erschliesst sich einem die Schönheit von Techno. Beschäftigt man sich mit den Auswirkungen des Internet und des damit eng verknüpften digitalen DJing auf die Clubkultur, dann ist es nicht erstaunlich, dass von Techno und seinen Spielarten heute nur noch selten Impulse ausgehen, die über die Szene-Dancefloors hinaus Gehör finden. Diese Rolle haben längst andere Musiker übernommen. Solche, die mit einer unglaublichen Nonchalance an die letzten 50 Jahre Musikgeschichte herangehen und das gesamte Archiv als riesengrosse Lego-Kiste begreifen, aus der sich immer neues Dancefloor-Spielzeug basteln lässt. Mash-Up ist das Wort der Stunde, wenn es darum geht, frischen Wind auf die Tanzfläche zu zaubern. Ob dieser nun in der multikulturellen Form einer M.I.A. daher kommt oder ob er mit der hochgereckten Faust von Justice den Takt angibt, ist dabei einerlei: Hauptsache, es rockt.

Soundtrack: Bloc Party – Signs Kid Cudi – Day And Night Dario Rohrbach – Only For You

Es geht mir auf den Sack! Das ständige Geklöne der Basler Nachtschwärmer ist manchmal verständlich, meist aber nicht zu ertragen. „Typisch Basel“ heisst es immer dann, wenn am Wochenende nicht drei grosse Konzerte und fünf Parties gleichzeitig laufen – im eigenen Geschmackssegment, wohlverstanden. Und damit sind wir auch schon beim Punkt meiner diesmonatigen Ausführungen zum Nachtleben unserer schönen, kleinen Stadt angelangt.

Wer ständig über das hiesige Ausgehangebot herzieht, vergisst ein paar Fakten. An erster Stelle steht dabei die Grösse. Selbst wenn Basel die zweitgrösste Stadt des Landes ist: Wir sind keine Metropole und werden es niemals sein. 180′000 Einwohner, davon 30′000, die man als Jugendliche bezeichnen kann, das ist nun mal einfach keine Metropole. Mit der Agglomeration, die durch die Landesgrenzen massiv verkleinert wird, verdoppeln sich diese Zahlen vielleicht. Aber auch das ist noch Provinz. Und dafür läuft hier erstaunlich, erfreulich viel, finde ich. Seit ungefähr drei Jahren checke ich Wochenende für Wochenende beruflich ab, was in dieser Stadt im Bereich Parties und Konzerte läuft. Und in dieser Zeit ist das Angebot von Jahr zu Jahr gewachsen. Mal mehr, mal weniger.

Aber gerade dieser Clubherbst hat mit dem Volkshaus einen Neuankömmling zu feiern, der in Punkto Indie-Rock wunderbare Konzert-Perlen in die Stadt bringt. Dazu kommen Mini-Locations wie Parterre, Annex oder Gleis 13, deren Line-Up immer eine nette Alternative zum gewohnten Club-Einerlei bietet. Mit dem nt/Areal hatten wir diesen Sommer eine Openair-Location, die trotz aller Probleme schweizweit einzigartig war. Einzelveranstaltungen wie Im Fluss, Chill am Rhy, Imagine und eine Menge kleinerer Festivals zeigten, dass die Musikszene auch im Sommmer lebendig ist. Clubs, vom Schlage eines Fame, eines A2, oder dem bald öffnenden Wall Street Club (ob der Name immer noch so gut gewählt ist?) und wie sie alle heissen gibt es ja auch noch. Und natürlich die Kaserne, die im November trotz anderweitiger Kommentare ein wirklich geiles Musik- und Partyprogramm bietet. Und das schreibe ich nicht nur, weil meine Zeilen in diesem Programmheft stehen. Wer sich auch nur halbwegs für coolen Pop interessiert, wird mir zustimmen, dass DJ Premier, Capleton oder Late of the Pier Acts von internationalem Standard sind. Von innovativen Projekten, wie PRIVAT ganz zu schweigen. Das ist doch eigentlich ganz ok.

Vielleicht könnte man die ewigen Motzer für ein Wochenende in eine Stadt gleicher Grösse im Ruhrpott verfrachten. Bin gespannt, was das Verdikt eines solchen Ausflugs wäre.

Ich weiss, eine positive Wertschätzung des Nachtlebens unserer Stadt wäre für viele Leute problematisch – sie wüssten nicht, über was sie motzen sollen. Und ja, von mir aus kann es auch noch hundert weitere Clubs und Konzertlokale geben. Aber grundsätzlich muss dem Basler Nachtleben endlich, endlich mal eine Lanze gebrochen werden. Denn es ist so viel vitaler, spannender und vielfältiger, als in der Diskussion wahrgenommen wird. Und das ist doch irgendwie schade. Niemand sagt, dass man im Rest der Schweiz mit stolzgeschwellter Brust vom legendären Nachtleben am Rheinknie schwärmen soll. Aber ein bisschen zufrieden sein, mit dem was man hat, bedenken, dass unsere Stadt keine Millionenmetropole ist, das tut nicht nur der Seele gut, sondern zeigt auch eine Wertschätzung für all die Menschen, die in dieser Stadt Dinge unternehmen, um die Langeweile aus der Nacht zu vertreiben.

Soundtrack: Kanye West vs. Radiohead – Reckoner Lockdown

Dee Lite – Groove Is in the Heart

Kylie Minogue – Can’t Get You Out of my Head

Disclaimer: Ich bin jetzt 30. Als ich vor 15 Jahren mit meinen Kumpels die ersten Parties im Hirschi-Keller schmiss, tanzten im Publikum fast nur Freunde, Kollegen und Menschen, die man von woauchimmer kannte. Wir waren alle ungefähr gleich alt und gleich hungrig auf Abenteuer, zumindest nahm ich das so wahr. Wie das so ist in dem Alter, war jede Party neu, jede Party einzigartig und damit jedes Wochenende legendär. Die folgenden Jahre verbrachte ich partytechnisch zu einem grossen Teil als DJ hinter Plattentellern. Ein perfekter Ort, um zu beobachten. Die Freunde von damals feierten sich, uns und die Welt weiterhin, als ob es kein morgen gäbe – ich mit ihnen. Und immer öfter mischten sich neue Gesichter unter unsere wachsende Wochenend-Gemeinschaft, sie wurden begeistert aufgenommen.

Irgendwann begann eine Entwicklung, die ebenso unerwartet, wie unvermeidbar war: Die Anzahl neuer Freunde auf der Tanzfläche nahm ständig zu, während die Exzesse meiner alten Kampfgefährten langsam sporadischer wurden. Einige von ihnen entdeckten die Instant-Freuden einfacher Scheiaweia-Mucke (80s, Oldies) und feierten anderswo in Lackschuhen weiter, andere verabschiedeten sich fürs Studium in fremde Städte und einige wenige – diese Gruppe bereitete mir am meisten Sorgen – begannen das Interesse am Hedonismus auf dem Dancefloor und parallel dazu auch an den Herausforderungen neuer, unbekannter Musik langsam zu verlieren. Abendessen im kleinen Kreis und so. Nicht so anstrengend.

Das exzessive Nachtleben ist etwas für Menschen mit einem Sprung in der Schüssel – was unter den richtigen Umständen ein wunderbares Kompliment ist. Das war mir irgendwie schon immer bewusst. Den endgültigen Beweis für diese Annahme erbrachten Reisen in die grossen Städte dieser Welt: Ich legte in Barcelona, Berlin, Jakarta auf, sah wie die Menschen dort feierten. Und wie dort in den Clubs auch Menschen mit grauen Haaren völlig unpeinlich eine ganze Menge Style zur Schau stellen konnten. Vielleicht, so überlegte ich mir, zieht es eine bestimmte Art von Mensch (eben die mit diesem wunderbaren Sprung in der Schüssel) irgendwann zwangsläufig in eine Grosstadt, weil sie sich nur dort in einer Community von Gleichgesinnten bewegen kann. Die Art von Mensch, die sich auch jenseits der 30er-Schallgrenze eine Neugier für aktuelle Entwicklungen des Nachtlebens bewahrt hat. Die vielleicht auch noch einen Sinn für Fashion hat. Die sich nicht darüber freut, das immergleiche Standard-Programm abzuspulen. Und diese Menschen fehlen dann hier bei uns.

Für meine Arbeit als Journalist rede ich oft mit DJs. Aus verschiedensten Szenen. Die meisten von ihnen sind über 20 (ich habe das Gefühl, Newcomer am Plattenteller sind heute rarer gesät, denn je) und machen dieselbe Beobachtung: Bei uns ist das heftige Partymachen als Selbstzweck für eine Mehrheit der Leute nur eine auf den Übergang vom Teen zum Twen begrenzte Phase in ihrem Leben. Diejenigen, die den Spass am Nachtleben als Lebenshaltung sehen, fühlen sich irgendwann unwohl in einem Publikum, das rein biologisch bald auch der eigene Nachwuchs sein könnte. Und bleiben zuhause, oder ziehen weg. Öffentliche Parties für ältere Semester sind bei uns alles andere, als Selbstzweck, wie ich im Selbstversuch feststellen musste: Vor einiger Zeit wagte ich mich an eine offiziell deklarierte Ü-25-Party. Ich wollte wissen weshalb sich diese Art der Veranstaltung plötzlich so explosionsartig verbreitet hatte. Mein mulmiges Magengefühl bestätigte sich: Statt Freude an der Musik und ausgelassenem Hedonismus, beäugten sich die angehenden 30er mit akuter Torschlusspanik verzweifelt. “Bist du es ? Oder du? Oder du?” sagten ihre rastlos umherwandernden Blicke. Die Musik spielte überhaupt keine Rolle, solange sie einen Beat hatten, zu dem man die eigene Lockerheit mit einem beherzten Hüftschwung beweisen konnte. Das kann es doch nicht sein, dachte ich mir. Und ging nach Hause.

Soundtrack:

Capleton – Slew Dem (1999)

Capleton – Top a Tings (2006)

TV on the Radio – Love Dog (POP.IST.NIE.BESSER.ALS.JETZT)

Das Thema dieser Kolumne liegt durch die musikalischen Highlights des November-Programms auf der Hand. Und ich hab erst einmal leer geschluckt. Denn mit Capleton kommt ein Reggae-Sänger in die Kaserne, der umstritten ist. Und das ist jetzt noch fein ausgedrückt. Im Mai kochten die Emotionen schon einmal hoch, als Sizzla, ein Kumpel von Capleton, in der Roten Fabrik spielte. Beide haben in der Vergangenheit zur Gewalt gegen Schwule aufgerufen, der Aufschrei der Gay-Community ist deshalb durchaus nachvollziehbar. Ebenso nachvollziehbar ist der altbekannte Verteidigungsreflex der Reggaefreunde: Kulturimperialismus! Unverständnis für die Lebensumstände in Jamaika! Und: das alles sei in Wirklichkeit ja eigentlich metaphorisch gemeint und deshalb nicht ganz wörtlich zu nehmen.

Ja, ja, ja. Recht haben beide Gruppen, irgendwie. Es ist eine Diskussion, die wohl niemals endgültig abgeschlossen wird. Und trotzdem geführt werden muss. Bei all der Aufregung wird vergessen, dass es hier um Musik geht, um Popkultur. Und diese lebt immer auch von Widersprüchen, von Affronts, von Anstössigkeiten. Das ist bei vielen global operierenden Rap-Schwergewichten nicht anders, sie kombinieren Homophobie dann gleich noch mit Frauenverachtung und Gewaltverherrlichung. Maximaler Impact = maximale Gewinne. Trotzdem ist das Heulen im Blätterwald hier mittlerweile deutlich abgeklungen: Bushido, Eminem und ihre Thugs haben mit verbalen Rammböcken kulturelle Bollwerke gestürzt. Sie gehören heute zum etablierten Konzertbetrieb, zieren die Titelseite der Bravo, veröffentlichen Bücher, kleiden die Kids ein. Und keiner regt sich darüber auf. Zumindest nicht mehr laut genug, als dass es über das Informations-Grundrauschen hinaus gehen würde. Vielleicht weil verstanden wurde, dass der Ruf nach Zensur nutzlos, oft sogar kontraproduktiv ist. Er erstickt nicht nur den Dialog im Keim, sondern gibt den indizierten Künstlern den Ritterschlag des Verbotenen, macht sie unter Umständen erst dadurch gross. Und wirft dann die eine oder andere Crib ab, mit der man auf MTV protzen darf.

Ich würde behaupten, dass in unseren Breitengraden die grosse Mehrheit der Besucher von Reggae-, oder Hip-Hop-Veranstaltungen wegen der Musik, den fetten Beats, dem Happening hingeht. Die meisten verstehen die Texte nicht, oder kümmern sich nicht darum. Was zählt ist die unbändige Energie der Musik. Sie ist unbestritten. Das ist der Grund, weshalb Veranstalter, selbst wenn sie in traditionell randgruppenfreundlichen Häusern wie der Roten Fabrik oder der Kaserne tätig sind, nicht auf kontroverse Acts verzichten wollen. Sie verstehen, dass Widerspüchlichkeit integraler Bestandteil der Popkultur ist und dass man dieser Tatsache Rechnung tragen sollte, wenn man relevant sein will. Man kann Popmusik nicht einfach bedingungslos gut oder bedingungslos schlecht finden, dafür ist sie zu komplex. Kleine Randnotiz: Capleton gehört zu den Sängern, die den „Reggae Compassion Act“ unterschrieben haben. Ein Dokument verschiedener Schwulenorganisationen, in dem er sich öffentlich dazu bekennt, dass „Rassismus, Gewalt, Sexismus und Homophobie“ keinen Platz in der Musik haben und sich dazu verpflichtet, keine schwulenfeindlichen Songs mehr zu singen. Ein 50 Cent würde sich mit einem solchen Schriftstück wohl den Hintern abwischen. Man kann das als scheinheilige Imagepflege des Jamaikaners betrachten. Aber wir alle wissen: die Hoffnung stirbt zuletzt. Will man sie mit einem kompromisslosen Boykott wirklich lebendig begraben?

Soundtrack:

Doc Scott – Shadowboxing

Jones & Stephenson – First Rebirth

Smashing Pumpkins – Mayonnaise

Es war vor 10-15 Jahren, vom Gefühl her. Genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Da begann dort, wo heute das Bahnhofsmonster einen Fuss im Gundeli absetzt, die alternative Cubkultur von Basel. Zumindest für mich. Das Schlotterbeck (einer der ersten Clubs der Stadt, in denen Rave gespielt wurde) hatte ich aus Altersgründen verpasst, das Planet E war zwar maximale Clubkultur, aber fühlte sich eher an wie das Endprodukt und nicht das Aufkeimen einer Alternative. Was dem dort gehabten Spass natürlich in keinster Weise abträglich war. Anywayz. Es gab damals einen Club, ein Kunstprojekt, ein Experiment, das “@home” hiess. Dort lebte ein seltsamer Haufen von Menschen. Sie arbeiteten dort, machten Kunst und sie feierten. Wilde Parties, mit aufregender, neuer Musik. Jedes Mal, wenn man dorthin kam, sah der Raum anders aus. Einmal stand ein riesiger Berg aus Kissen mitten auf der Tanzfläche, ein anderes Mal baumelte dort ein Bettgestell samt Matratze von der Decke. Und dazu lief aufregende, neue Musik, wie sie sonst in keinem Club der Stadt gespielt wurde. Jede Nacht @home war ein Abenteuer, mit ungewissem Ausgang.

Ich glaube nicht, dass die Parties damals rüder waren oder härter abgingen. Aber sie hatten Herz. Jede von ihnen war einzigartig. Vielleicht ist das eine romantische Verklärung der Vergangenheit, schon klar. Trotzdem: Als mir Laurence Desarzens bei einem Mittagessen vom Projekt PRIVAT erzählte, schwebte mir sofort diese Clubutopie vor dem geistigen Auge. “Parties sind ein bissschen laangweilisch geworden”, erzählte sie mir da in ihrem charmanten Francodeutsch und als angehender Veteran des Nachtlebens musste ich ihr da wohl oder übel zustimmen: Das Format “Party” ist heute weitestgehend definiert. Ein gepflegter Absturz in geordneten Bahnen hat ja durchaus seine Berechtigung, wie die Warteschlange vor dem A2 immer wieder auf brutale Weise in die Nacht schreit. Aber leider nützt sich das ziemlich schnell ab. Irgendwann hat man es einfach gesehen, erlebt. Irgendwann geht man einfach nicht mehr hin. Und vermisst es nicht.

So, wie ich das verstanden habe, ist bei PRIVAT noch nichts definiert, ausser der Ort des Geschehens und seine Bewohner. Das Projekt startet am 1.Oktober 2008. Zwei Menschen ziehen in den Rosstall 2. Mit Sack und Pack. Und teilen ihren Lebensraum manchmal mit den wochenendlichen Nachtschwärmern. Das eröffnet viele Möglichkeiten: Ein Apéro mit Freunden in der gepflegten Stube? Gerne. Ab ans Konzert? Yeah! Afterhour bei uns mit DJs? *yEaH#h! Diese Dynamik lässt sich nicht erzwingen. Aber man kann ihr ein Zuhause geben. Eines, das die Freiheit gibt, herumzuprobieren. Vieles davon wird wohl in die Hose gehen. Aber das ist doch ok. Solange auch Momente entstehen, die in keinem Businessplan vorherzusehen sind. Bei denen sich kein Break Even errechnen lässt. Weil es darum überhaupt nicht geht. Wird PRIVAT so ein Projekt? Ich weiss es nicht, kann nur hoffen. Aber ich freue mich auf den Versuch! Denn ich will bald wieder mal nach einer durchzechten Nacht betrunken im Bett liegen. Und lächelnd denken: Heute war es seltsam, anders, unvergesslich. Heute war es gut. So richtig.

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