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Tag Archives: medienqualität

Zum zweiten Mal nach 2010 veröffentlichte eine Forschergruppe um Professor Kurz Imhof vom fög im Oktober einen kritischen Bericht zur Qualität in den Schweizer Medien. Wie schon im Vorjahr wehrten sich die Kritisierten (Hansi Voigt, Chefredaktor 20 Minuten tat das hier, Peter Wälty, Chefredaktor Newsnet hier), kratzten mit ihrer Kritik an der Kritik aber nur an der Oberfläche und wurden von Imhofs beeindruckender Rhetorik entsprechend beiläufig beiseite gewischt. Als mich meine Kollege Marc Böhler darauf hin aus dem Blauen heraus – wir kannten uns bzw. unsere Ideen ausschliesslich aus den Kommentarspalten beim Medienspiegel sowie Postings bei sozialen Netzwerken – via Google+ anfragte, ob wir gemeinsam eine etwas weiter gedachte, fundiertere Kritik am Jahrbuch verfassen sollten, war ich sofort Feuer und Flamme. Wohlgemerkt: Wir hatten (und haben) noch nie persönlich miteinander geredet, verfassten aber dank den kollaborativen Möglichkeiten von Google Docs in relativ kurzer Zeit gemeinsam einen Text, der wohl besser gedacht ist, als das, was jeder von uns einzeln zustande gebracht hätte. Dessen Veröffentlichung auf medienspiegel.ch löste eine ausgesprochen spannende, konstruktive Diskussion aus, bei der Imhof und sein Forscherteam – wie ich meine – aus der Reserve gelockt wurden und sich am Ende ein vorsichtiger Konsens heraus schälte:

“Für uns hier interessant und damit auch für das Jahrbuch ist also nicht die Zwei-Welten-Theorie alter versus neuer Medien sondern Korrespondenzen von Öffentlichkeiten thematisch varianter Kommunikationsflüsse in den Informationsmedien und thematisch zentrierter Öffentlichkeiten in den SM.” (Imhof)

Ich war dann zugegebenermassen ein wenig enttäuscht, als Herr Imhof in einem späteren Interview auf persönlich.com auf ebendiese Diskussion angesprochen mit folgender Aussage antwortet:

“Thom Nagy und Marc Böhler nehmen eine alte Debatte auf, die auf der “Zwei-Welten-Theorie” basiert. Bei dieser Theorie sind auf der einen Seite die Informationsmedien und auf der anderen Seite die Social Media. Nagy und Böhler sagen, Social Media würden die Welt der Informationsmedien verdrängen.”

Eben nicht, vielmehr geht es um Wechselwirkungen zwischen diesen und anderen Systemen der öffentlichen Informationsvermittlung. Glücklicherweise hat das die Interviewerin verstanden, wie die nachfolgende Frage zeigt:

Nein, das sagen Nagy und Böhler nicht. Sie wenden aber ein, Sie hätten die Mechanismen der Social Media und des Internets ungenügend berücksichtigt bei Ihrer Forschung.

Anywayz (ein Anglizismus zur Auflockerung – immer gut): Ich hatte schon lange vor, eine kleine Zusammenfassung dieser Episode zu schreiben, nur fehlte mir bisher der entsprechende Anlass. Den lieferte heute morgen ein äusserst anregendes Essay von Jonathan Stray (das ich jedem an der Materie Interessierten in voller Länge ans Herz lege), in dem er sich Gedanken darüber macht, wie eine zukünftige “digital public sphere” ausgestaltet sein könnte, wie sich der Begriff von Öffentlichkeit und Demokratie unter dem Einfluss vernetzter Kommunikation radikal ändern könnte, sollte, und hoffentlich auch wird:

“… all of these things — journalism, search engines, Wikipedia, social media and the lot — have to work together to common ends. There is today no one profession which encompasses the entirety of the public sphere. Journalism used to be the primary bearer of these responsibilities — or perhaps that was a well-meaning illusion sprung from near monopolies on mass information distribution channels. Either way, that era is now approaching two decades gone. Now what we have is an ecosystem, and in true networked fashion there may not ever again be a central authority. From algorithm designers to dedicated curators to, yes, traditional on-the-scene pro journalists, a great many people in different fields now have a part in shaping the digital public sphere. I wanted try to understand what all of us are working toward. I hope that I have at least articulated goals that we can agree are important.”

Um diesen Blick auf die Veränderungen gesellschaftlicher Kommunikation unter digitalen Vorzeichen ging es Marc Böhler und mir, als wir in unserem Text schrieben

“Der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft sammelt Daten und macht Politik. Der Mangel an zeitgemässer Auseinandersetzung mit dem Wandel der Dynamiken zwischen Medientechnologie, Medienbranche und Öffentlichkeit, der Mangel an online-gerechten Qualitätsindikatoren sowie das beschränkte Untersuchungsuniversum führen zu einer Verzerrung der politischen Schlussfolgerungen.

Die Politik aber verlässt sich in der Regel auf die Aussagen der Wissenschaft und sie könnte schlimmstenfalls Massnahmen beschliessen, die den Status Quo zu zementieren versuchen, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie die Rahmenbedingungen für eine öffentliche Kommunikationsinfrastruktur und -kultur aussehen sollten, die den technologischen Realitäten entspricht und deren Potential ausschöpft.”

Noch einmal: Die alte Diskussion an den verhärteten Fronten alter vs. neuer Medien ist längst passé und langweilt nur noch. Qualität in den Medien ist ein wichtiges Thema, aber wenn dabei der Blick auf die Zukunft vergessen geht, erweist man der Sache einen Bärendienst.

Es geht hier nicht darum zu verneinen, dass der Umbruch in der Medienwelt teilweise gefährliche Tendenzen mit sich bringt. Copy-Paste-Berichterstattung, intransparente Formen der Finanzierung – und, und, und. Auch geht es mir nicht darum zu behaupten, in den Online-Medien stehe nach fünf Jahren Breitbandanschluss alles zum Besten und die Brüche in der Gesamtbranche könnten ohne Weiteres kompensiert werden. Doch Online-News-Portale müssen – im Gegensatz etwa zum Privatfernsehen – nicht laufend noch grösseren Schwachsinn produzieren, um auf Quoten zu kommen. Dafür ist das Angebot an Schwachsinn im Internet schlicht zu gross. Gefragt ist besser werdender Journalismus. Denn es ist nicht zu übersehen, dass Eigenleistungen, Relevanz und Aktualität der Berichterstattung belohnt werden – mit wachsender Aufmerksamkeit der Leser.

via 20 Minuten Online – Falschaussage mit Qualitätsanspruch – News.

20min.ch-Chef Hansi Voigt mit der bisher durchdachtesten offiziellen Replik auf Kurt Imhofs Qualitätsklage. Wie sein Konzernkollege Peter Wälty reitet er lange auf dem ominösen «Rechenfehler» der Forscher herum und leitet daraus ab, die ganze Studie sei nichtig. Das halte ich für zu kurz gegriffen. Aber er ist der bisher einzige, der trotz aller Probleme auf das zukünftige Potential von Online-News verweist, wo Qualität zu einem echten Wettbewerbsvorteil wird, der durch sinnvollen Einbezug der Leser noch weiter verstärkt werden kann. Deshalb: Daumen hoch!

Disclaimer: Bis Frühling 2011 war Hansi mein Chef bei 20min.ch.

Update: Es gibt leider keinen Permalink zum Eintrag, aber hier hat Kurt Imhof eine scharfe Replik auf die voigtsche Replik geschrieben.

Nachdem Professor Imhof mit seiner Studie zum Niedergang der Medienqualität die Eidgenossenschaft aufgescheucht hat, sorgt er auch in Deutschland für Furore. Und zwar mit einer ausgesprochen spannenden, ziemlich ausschweifenden Diskussion auf carta.info, die aufgrund eines dort publizierten Interviews mit ihm entbrannt ist. Viele kluge Wortmeldungen finden sich darin, und das von allen Seiten. Dieser Beitrag von Chat Atkins ist mir dabei aber besonders ins Auge gestochen, weil er mir aus dem Herzen spricht:

Trotzdem spukt m.E. bei Ihnen im Hinterkopf die Sehnsucht nach einer durch Massenmedien stets noch formierbaren Gesellschaft herum, deren Chancen ich zunehmend geringer einschätze. Für mich läuft es eher auf eine sich durch Mikrokommunikation und im Dialog selbstdisziplinierende Gesellschaft heraus. Die das auch erst einmal lernen muss. Das erfordert einerseits ganz neue Kommunikationsformen: Die traditionellen journalistischen (und auch wissenschaftlichen) Stilformen mit ihrer Objektivitätsposiererei und dem ultratrockenen ‘dpa-Stil’ verlieren an Überzeugungs- und Durchschlagskraft. Witz, Sarkasmus, auch Polemik kehren zurück. Andererseits verändert sich die gesellschaftliche Rolle der Journalisten, zumindest im Netz. Platt gesagt – weg vom Gatekeeper hin zum akzeptierten Moderator einer Selbstverständigung des Publikums. D.h. Hilfe bei der Gewichtung von Quellen, bei der Ausformulierung von Argumenten, bei der Austreibung von Trollen usw.

 

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