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Nachdem Professor Imhof mit seiner Studie zum Niedergang der Medienqualität die Eidgenossenschaft aufgescheucht hat, sorgt er auch in Deutschland für Furore. Und zwar mit einer ausgesprochen spannenden, ziemlich ausschweifenden Diskussion auf carta.info, die aufgrund eines dort publizierten Interviews mit ihm entbrannt ist. Viele kluge Wortmeldungen finden sich darin, und das von allen Seiten. Dieser Beitrag von Chat Atkins ist mir dabei aber besonders ins Auge gestochen, weil er mir aus dem Herzen spricht:

Trotzdem spukt m.E. bei Ihnen im Hinterkopf die Sehnsucht nach einer durch Massenmedien stets noch formierbaren Gesellschaft herum, deren Chancen ich zunehmend geringer einschätze. Für mich läuft es eher auf eine sich durch Mikrokommunikation und im Dialog selbstdisziplinierende Gesellschaft heraus. Die das auch erst einmal lernen muss. Das erfordert einerseits ganz neue Kommunikationsformen: Die traditionellen journalistischen (und auch wissenschaftlichen) Stilformen mit ihrer Objektivitätsposiererei und dem ultratrockenen ‘dpa-Stil’ verlieren an Überzeugungs- und Durchschlagskraft. Witz, Sarkasmus, auch Polemik kehren zurück. Andererseits verändert sich die gesellschaftliche Rolle der Journalisten, zumindest im Netz. Platt gesagt – weg vom Gatekeeper hin zum akzeptierten Moderator einer Selbstverständigung des Publikums. D.h. Hilfe bei der Gewichtung von Quellen, bei der Ausformulierung von Argumenten, bei der Austreibung von Trollen usw.

 

“Es gehört zum Wesen von Revolutionen, dass ein Teil der Elite geht lieber untergeht, als sich zu verändern.”

Wolfgang Blau beschreibt den Wandel, den der Journalismus aktuell durchmacht, als echte Revolution. Eine Revolution, die weh tut. Eine Revolution, die fordert und überfordert. Vor allem aber eine Revolution mit ungewissem Ausgang: “Das Netz schafft für uns alle eine neue Ordnung. Ob diese besser oder schlechter sein wird als die jetzige, das wissen wir noch nicht.”

Die schwierigste und wichtigste Aufgabe, die Medienmacher haben: Sie müssen den Kulturwandel mitmachen und gleichzeitig steuern. Laut Blau bewegt sich die Branche nicht schnell genug, sie habe viel zu viel Zeit mit nostalgischen Rückblicken verschwendet.

Journalisten täten sich so schwer mit der Veränderung, weil einst so sicher geglaubte Grenzen verschwimmen. Insbesondere zwischen Profis und Amateuren. Es geht um nichts weniger als die Identität des Journalisten, die Rolle und das Selbstverständnis, mit der er arbeitet.

Diese vorwärts gerichteten Gedanken äussert nicht irgendein hoffnungsloser Netz-Utopist, sondern Wolfgang Blau, Chefredaktor von ZEIT Online. Und das an einem Podium mit dem pessimistischen Titel: ” Wozu noch Journalismus?” That’s the spirit! Hoffentlich haben es seine Gedanken bis in die Köpfe des Publikums geschafft.

Kollege Bauer hat beim geschlossenen Anlass übrigens mitgebloggt und so zumindest einen Hauch Zukunft ins KKL gebracht. Ebenfalls lesenswert.

Die Baz-Gruppe gehört mehrheitlich dem “Parvenü” (nach eigenen Angaben) Tito Tettamanti, der schon die “Weltwoche” auf stramm rechtskonservativen Kurs brachte. Der Wewo- VR-Präsident ist zugleich VR-Präsident der BaZ.

Nach einer Schamfrist lassen sie die Katze jetzt auch bei der Baz aus dem Sack. Anders kann man die programmatisch folgerichtige Chefredaktorenwahl nicht sehen (Markus Somm: Christoph Blocher/ Der Konservative Revolutionär”, 528 Seiten, 48 CHF; Appenzeller Verlag, Herisau AR).

Falls ich das richtig verstanden habe, ist die nächste Zielrichtung die Mittelandzeitung, der schon die Basellandschaftliche Zeitung gehört. Das Ganze liesse sich, vielleicht auch noch mit den “Schaffhauser Nachrichten”, der das Wasser am Hals steht, zur “National-Zeitung” -Gruppe zusammenfassen.

In dieser könnte dann die “Weltwoche” – die sich angesichts der sichtbaren Anzeigenflaute niemals selbst finanzieren kann – als semi-intellektueller Vorreiter den Kammerton vorgeben.

Der alte Kopftitel “National-Zeitung” – die BaZ besitzt dessen Rechte -, bekäme vor diesem Hintergrund eine neue, uralte Bedeutung, schön auf regionale Quasi-Monopole verteilt

Mich fröstelt einwenig.

Fred David:

Eine Präzisierung: Man kommt bei der gegenwärtigen Umverteilung im Schweizer Medienkuchen leicht durcheinander.

Die erwähnte “Basellandschaftliche Zeitung” gehört seit knapp zwei Jahren zum Verbund der AZ-Medien (Aargauer Zeitung, Limmattaler Zeitung, Sonntag), die “in Kooperation” mit der Mittellandzeitung (Solothurner Zeitung, Grenchener Tagblatt, Oltener Tagblatt, Zofinger Tagblatt, Lagenthaler Tagblatt, Luzerner Nachrichten) erscheint.

Das Ganze Gebilde nennt sich selbst “Reich der Mitte” und wirkt von ausssen leicht schwamperig, jedenfalls nicht so, wie ein langfristig festgefügtes und schon gar nicht wie ein konsolidiertes Reich.

Herrscher dieses Imperiums ist Peter Wanner, ein vifer, aber klammer Verleger, der sich womöglich etwas übernommen hat (insbesondere mit dem “Sonntag”).

Im letzten Jahr verbuchte er Mindereinnahmen von 40 Mio CHF, rote Zahlen und auch in diesem Jahr sind keine Mehreinnahmen budgetiert. Das kann schnell eng werden.

Die Eigenbkapitalquote liegt bei mageren 37%. Innvestitionen sind nur noch “mit Partnern” denkbar. Wanner hat bei der BaZ schon mal “sehr finanzstarke Investoren” geortet.

Das lässt zumindest aufhorchen.

Wir wollen nicht zu viel spekulieren, aber im Aargauischen ist still und leise auch ein Neuverleger am Werk. Der Autoimporteur und SVP-Financier Walter Frey, der auch mit Tito Tettamanti gut bekannt ist.

Der muntere Rentner ist nach langer politischer Abstinenz wieder sehr aktiv in der SVP und amtiert als deren Vizepräsident. Die “Bilanz” rechnet ihm ein Vermögen von 1 bis 1,5 Milliarden CHF zu

Frey ist VR-Präsident der etwas rätselhaften Verlagsgesellschaft Pro, in Zürich, ebenso mit Einzelunterschrift bei ZüriWoche und der Lokal Info AG.

Letztere übernahm er vor acht Jahren von Beat Curti. Die unscheinbare Lokal Info AG gibt vier beträchtliche Gratis-Quartierblätter mit redaktionellem Teil in Zürich heraus und deckt mit dem “Küsnachter” die ganze Goldküste ab.

Noch ist es zu früh, um 1 + 1 zusammenzuzählen in dieser etwas seltsamen Gemengelage. Aber man sollte doch mal ein Auge drauf haben.

Sybellinisch sagte Peter Wanner diesen Frühling, im Herbst 2010 werde man “klarer sehen”.

Mal sehen, was da noch auf uns zurollt.

Einmal mehr finden sich wirklich interessante Infos in Blog-Kommentaren. Drüben beim Medienspiegel hat zum Beispiel Fred David (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash») munter drauf los spekuliert und dabei – wie ich finde – einige bedenkenswerte Punkte in einen Zusammenhang gebracht. Ich bin gespannt, wie sich das ganze BaZ-Drama weiter entwickelt. Ein gutes Gefühl hab ich dabei aber nicht wirklich.

If one accepts that a democracy without an informed citizenry isn’t a democracy and shouldn’t refer to itself as one, then do we need to rethink how a democracy can work in our culture the near future? Some think the hive mind and self-regulating social networks are a model — that when everyone can speak and everyone is connected then the intelligence and the checks and balances will emerge all by themselves — but I’m not sure I’m ready to believe that millions of people with very little insight and almost no information can somehow magically turn into one smart collective entity.

That said, our cells don’t know what we (think we) know — individual cells don’t all “know” how to make a whole person, for example — but in a structural sense, actually, they do. The DNA for a whole person is contained in every cell, but it’s maybe less a complete blueprint than a small (relatively, for what it accomplishes) set of rules. Like swooping, flocking birds, fish or thousands of other creatures, the behavior of some groups appears to be intelligent, but it’s not. Not in the sense of being self-aware. Is that the model for a future society of “idiots” — a kind of emergent evolutionary structure? Everyone would be given a few basic rules to follow — as if instinctively — and then a whole society eventually emerges from that? It’s more like an ant colony than what we have now. It works for them. Do we want to be more like the ants?

Im Zusammenhang der aktuellen Diskussion um Qualität in den Medien und Demokratie scheint mir dieser Text von Talking Head David Byrne sehr bedenkenswert. Statt sich zu beschweren und gegen den technologischen Wandel zu lamentieren, macht er sich relativ nüchtern Gedanken darüber, was dieser für Konsequenzen für die Menschheit haben könnte. Und kommt dabei auf eine recht unheimliche, aber durchaus berechtigte Frage.

Und genau das ist der Punkt: Ich plädiere dafür, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, statt einer Zeit nachzuweinen, die aufgrund des technologischen Wandels endgültig Vergangenheit ist.

http://www.youtube.com/v/UsMvG8Tz0Ac?fs=1&hl=en_US&rel=0

Weder Form noch Fakten sind grundsätzlich neu. Trotzdem interessant, das mal so kompakt für die Schweiz zusammengefasst zu haben.

Am Freitag sorgte eine Studie des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich für Aufruhr in der Redaktion, die meine Brötchen zahlt. Die Erkenntnisse zur Qualität der Schweizer Medienlandschaft von Professor Imhof sind nämlich derart ernüchternd, dass sich selbst die Tagesschau veranlasst sah, einen Bericht dazu zu bringen (wohl nicht zuletzt, weil sie über den grünen Klee gelobt wird). Und interviewte deshalb Hansi Voigt, den Chefredakteur von 20 Minuten Online. Obwohl dieser im Beitrag nur ein paar Sekunden zu Wort kommt, wird klar, dass er mit Professor Imhofs Erkenntnissen gar nicht einverstanden ist. Diese Meinung teile ich. Was genau steht nun in der Studie? Um Fehler zu vermeiden, lassen wir das “Qualitätsmedium” NZZ zusammenfassen:

  • In allen Mediengattungen wächst das Angebot an Klatsch bzw. an sogenannten Softnews, welche die klassischen publizistischen Kernthemen Politik, Wirtschaft und Kultur zurückdrängen.
  • Die Nachhaltigkeit der Berichterstattung lässt nach. Episodische, auf Personen, Konflikte und Katastrophen zugespitzte Informationen nehmen zu.
  • Obwohl die Welt zusammenwächst, schotten sich die Medien ab, indem sie die Auslandberichterstattung stark abbauten. «Die grossartige Tradition der schweizerischen Auslandberichterstattung bricht ein», notiert das Jahrbuch.
  • Die Wirtschaftsinformation bleibt mangelhaft.
  • Der Erfolg der Gratiszeitungen und die Gratisangebote im Internet senkten unter den Konsumenten das Bewusstsein dafür, dass Informationsqualität etwas kostet.
  • Der Einbruch bei den Werbeeinnahmen erschwert die Finanzierung der redaktionellen Leistungen.
  • Die Bedeutung derjenigen Medientitel, die wenig zur Informationsqualität beitragen, wird weiter wachsen.
  • Der recherchierende, einordnende Journalismus gerät weiter unter Druck.
  • Auch die Presse orientiert sich vermehrt an den Unterhaltungsbedürfnissen der Medienkonsumenten «statt an Informationsbedürfnissen der Staatsbürger».

Das alles führe nach Ansicht der Forschergruppe dazu, dass nichts weniger als die Schweizerische Demokratie höchstselbst in Gefahr sei. Ich möchte überhaupt nicht ausschliessen, dass an diesem Sachverhalt etwas dran ist. Aber die Schuld den Gratiszeitungen und kostenlosen Online-Angeboten in die Schuhe zu schieben, halte ich für Nonsense. Und zwar weil

  • nicht die Gratiszeitungen verantwortlich dafür sind, “das Bewusstsein dafür, dass Informationsqualität etwas kostet” zu senken, sondern das Internet an sich. Hier werden zwei Dinge in einen Topf geworfen, die insofern miteinander zu tun haben, als dass das eine (Gratiszeitungen) ein Übergangsphänomen zum anderen (Netzmedien) ist.
     
  • gewisse Aussagen der Studie schlichtweg falsch sind. Zum Beispiel diese: “Hintergrundinformationen sind im Onlinesegment Mangelware, und der Aktualitätsdruck in Form des 24/7-Journalismus prägt die journalistischen Produktionsroutinen so stark, dass längerfristige politische und wirtschaftliche Zusammenhänge kaum reflektiert werden.” Das ist langweiliges Wiederkäuen alter Klischees. Oder welcher Printtitel gibt mir in der Zeitung ähnlich umfassende Hintergrundinfos zu einem bestimmten Thema, wie zum Beispiel ein solches Dossier? Ganz zu schweigen von Google.

  • die Sparte (gedruckte) Qualitätsmedien sich vor allem darin hervortut, fürs Gelesenwerden Geld zu verlangen. Das schliesst aber eine breite Leserschicht aus. Nämlich all diejenigen, für die das gedruckte Wort ohnehin keinen monetären Wert hat. Der beklagte Niedergang der Demokratie ist so gesehen ein Niedergang des Demokratie-Monopols der (Informations-)Eliten.

  • Online-Medien schonungslos aufzeigen, was die Masse interessiert und ihr Angebot aus wirtschaftlichen Zwängen danach ausrichten. Das ist oft nicht schön. Aber ein Fact of Life, der sich nicht ändern lässt, indem man Softnews mit hehren Absichten links liegen lässt. Denn so wird man einfach irrelevant. Die Kunst besteht darin, das eine mit dem anderen sinnvoll zu verknüpfen.

  • eine umfassende und vor allem nachhaltige Berichterstattung zu “wichtigen” staatspolitischen Themen beim Tagi oder bei der BaZ genauso wenig festzustellen ist, wie bei 20min.ch oder blick.ch. Die Print-Ausgabe der NZZ lese ich nicht regelmässig, weshalb ich dazu keine fundierte Aussage machen kann. Aber sicher ist: Mit der Gesamtheit der Angebote im Netz zu einem gegebenen Thema kann auch sie nicht mithalten.

  • wir damit beim Kern meiner Argumentation wären: Im Netz muss nicht jedes Medium alles abdecken. Der oft zitierte Jarvis-Satz “do what you do best, link to the rest” macht in einer Kommunikationswelt mit völlig neuen Regeln eben schon Sinn. Die abgeschlossene Betrachtung einzelner Websites hingegen immer weniger. Es geht um den Informationsgehalt des Gesamtsystems Internet, aus dem man sich je nach Wissensdurst, Geschmack und intellektuellem Anspruch sein Informationsbouquet selbst zusammen stellen kann.

Es gibt sehr viele andere, vielleicht auch bessere Gründe, die Aussagen Professor Imhofs anzuzweifeln. Ich bin zuversichtlich, dass sie alle gefunden werden. Und zwar im von ihm verteufelten, frei zugänglichen Internet. Im Dialog zwischen Medien, Bloggern, Kommentatoren und Twitterern. Dass bei diesem Prozess auch eine Menge Blödsinn produziert wird, versteht sich von selbst. Aber so ist der demokratische Prozess nun einmal – eine Wiederspiegelung der Gesellschaft mit all ihren Dummheiten, unterschiedlichen Ideen und Wahrnehmungen. Es wird allerhöchste Zeit, dass das von den wissenschaftlichen Eliten auch bemerkt – und geschätzt – wird. Bevor sich der (medienwissenschaftliche) Universitäts-Betrieb gänzlich von der Realität verabschiedet.

 

Update: Kollega Wampfler hat in seinem Blog eine Replik verfasst.

Update 2: Herr Imhof hat beim Medienspiegel seine Sicht der Dinge als Diskussionsbeitrag publiziert. Vor allem auch die Kommentare sind lesenswert.

schöne zusammenfassung dessen, was eigentlich jedermann im medienbetrieb klar sein müsste. aber nicht ist.

freestyle

wtf?

via twitterrific