Lost behind the iPad-Wall: Pietro Supinos Gedanken zur «Qualität unserer Presse»

Die Medienwelt ist im Umbruch, das schafft neue Möglichkeiten. Es weckt aber auch Ängste. Der Schaffhauser SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr etwa hat vom Bundesrat einen Bericht über die Lage der Schweizer Presse verlangt, weil diese ihre «zentrale Rolle» in der direkten Demokratie nicht mehr «in der erforderlichen Vielfalt» erfülle. Der Bericht soll Anfang 2011 vorliegen. Alt-Bundesrat Christoph Blocher sieht die Meinungsäusserungsfreiheit in Gefahr und redet von einer «gesteuerten Presse». Und der Zürcher Soziologe Kurt Imhof spricht gar pauschal von einer «Medienkrise Schweiz». In seinem kürzlich publizierten Jahrbuch «Qualität der Medien» beklagt er den angeblichen «Vormarsch qualitätsschwacher Medien» wie Gratiszeitungen und Online-Newssites und unterstellt schrumpfende Vielfalt und eine Boulevardisierung der Medienarena…

Ja, jetzt würde man gerne weiterlesen und sich vielleicht auch in irgendeiner Kommentarspalte (am besten direkt unterm Artikel auf dasmagazin.ch) mit Freund, Feind und vielleicht sogar dem Autor himself über die Gedanken des Tamedia-Verlegers austauschen. Denn sie fügen der laufenden Diskussion die eine oder andere Facette hinzu und scheinen mir in der Gesamtheit betrachtet die bisher beste “offizielle” Replik auf Kurt Imhofs Angst um die Schweizer Medienlandschaft/Demokratie zu sein. Geht aber leider nicht.

Update: Kollega Menzler hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der ganze Artikel auf tagi.ch zu finden ist (thx). Erstaunlich. Wie dem auch sei: Klicket hin und diskutieret!

Update 2: Im Sinne der Transparenz (für mich eines der entscheidenden Kriterien journalistischer Qualität) möchte ich als Mitarbeiter von 20 Minuten Online noch rasch darauf hinweisen, dass Herr Supino im Grunde genommen mein oberster Chef ist.

#S21, Gladwell, Revolutionen und Social Media

Vor einigen Tagen veröffentlichte Erfolgsbuchautor Malcolm Gladwell (“Blink”, “Tipping Point”) einen Artikel, in dem er die Euphorie um das revolutionäre (im gesellschaftlichen Sinn) Potential von Social Media grundsätzlich in Frage stellt. Eine durchaus spannende Lektüre mit Standpunkten, die sicherlich bedenkenswert sind. Ob man sie nun teilt oder nicht, ist dann eine ganz andere Frage. Wie erwartet folgte die Replik der Netzgemeinschaft auf dem Fuss. Gladwell verkenne die Bedeutung von “weak ties” oder er argumentiere anachronistisch, hiess es da. Eigentlich schien mir damit alles gesagt zum Thema Gladwell. Bis gestern.

Ich habe die Kontroverse um den geplanten Neubau des Stuttgarter Bahnhofs lange Zeit nur am Rande mitverfolgt. Ein paar Fanatiker, die sich über die üblichen Mauscheleien der Staatsobrigkeit echauffieren: Das war das Bild, das sich aufgrund unterschiedlichster, primär massenmedialer Soundbytes in meinem Kopf geformt hatte. So weit, so normal. Heute, am Tag nach der gewaltsamen Eskalation der Lage, zeichnen viele Massenmedien ein deutlich dramatischeres Bild der Geschehnisse und ich würde behaupten, dass Social Media und hier insbesondere Twitter (via #S21) und Blogs (zum Beispiel hier) mitverantwortlich dafür sind, dass die Proteste in Stuttgart ihre abstrakte Ebene verliessen und zu einer menschlichen Geschichte wurden. Die schwer greifbare Masse von “Demonstranten” hat in der heutigen Kommunikationswelt eine Stimme, und diese war (und ist) gefüllt mit Wut, Trauer, Empörung. Hysterie und übertriebener Pathos waren natürlich auch dabei, die ganze Bandbreite halt.

Ich bin überzeugt davon, dass diese in Echtzeit verbreiteten Statusmeldungen (ganz zu Schweigen von den zahlreichen Livestreams, Videoclips, Handy-Fotos) einen starken Effekt auf die öffentliche Berichterstattung hatten. So war es zumindest bei uns auf der Redaktion (20 Minuten Online). Eine nüchterne Agenturmeldung (und wer wie die meisten CH-Medien keinen Stuttgart-Korrespondenten hat, ist für seine Berichterstattung auf solche Quellen angewiesen) hätte das Ausmass der Empörung über die Vorfälle niemals so verdeutlichen können, wie eine Twitter-Suche nach dem Hashtag #S21 gestern Nachmittag. Was dort in atemberaubendem Tempo an Status-Updates durchraste zeichnete ein wirklich dramatisches Bild der Lage und das fliesst beim Autor eines Artikels zum Thema garantiert mit ein, wenn er seine Zeilen tippt.

Und so würde ich behaupten, dass Social Media sehr wohl die Kraft hat, gesellschaftliche Änderungen herbei zu führen. Zum einen direkt, indem sich die Menschen untereinander austauschen, von ihren Erlebnissen erzählen. Zum anderen aber auch indirekt, indem die Berichterstattung in den Massenmedien vom Zugang zu einer explosiv gröseren Zahl von emotional stark aufgeladenen Augenzeugenberichten beeinflusst wird.

Ob das im Fall #S21 zu echten Konsequenzen führt, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen. Das Potential aber, das ist vorhanden.

Und damit hab ich jetzt doch noch meine 2 Cents zu Gladwells Anti-Social-Media-Thesen abgegeben.

 

Update: Auf Carta ist zu sehen, wie das Thema gestern auf Twitter regelrecht explodiert ist.

 

Imhof sorgt auf carta.info für Diskussionsstoff #Medienqualitaet

Nachdem Professor Imhof mit seiner Studie zum Niedergang der Medienqualität die Eidgenossenschaft aufgescheucht hat, sorgt er auch in Deutschland für Furore. Und zwar mit einer ausgesprochen spannenden, ziemlich ausschweifenden Diskussion auf carta.info, die aufgrund eines dort publizierten Interviews mit ihm entbrannt ist. Viele kluge Wortmeldungen finden sich darin, und das von allen Seiten. Dieser Beitrag von Chat Atkins ist mir dabei aber besonders ins Auge gestochen, weil er mir aus dem Herzen spricht:

Trotzdem spukt m.E. bei Ihnen im Hinterkopf die Sehnsucht nach einer durch Massenmedien stets noch formierbaren Gesellschaft herum, deren Chancen ich zunehmend geringer einschätze. Für mich läuft es eher auf eine sich durch Mikrokommunikation und im Dialog selbstdisziplinierende Gesellschaft heraus. Die das auch erst einmal lernen muss. Das erfordert einerseits ganz neue Kommunikationsformen: Die traditionellen journalistischen (und auch wissenschaftlichen) Stilformen mit ihrer Objektivitätsposiererei und dem ultratrockenen ‘dpa-Stil’ verlieren an Überzeugungs- und Durchschlagskraft. Witz, Sarkasmus, auch Polemik kehren zurück. Andererseits verändert sich die gesellschaftliche Rolle der Journalisten, zumindest im Netz. Platt gesagt – weg vom Gatekeeper hin zum akzeptierten Moderator einer Selbstverständigung des Publikums. D.h. Hilfe bei der Gewichtung von Quellen, bei der Ausformulierung von Argumenten, bei der Austreibung von Trollen usw.

 

Wolfgang Blau brilliert mit unangenehmen Wahrheiten am MAZ Mediapodium

“Es gehört zum Wesen von Revolutionen, dass ein Teil der Elite geht lieber untergeht, als sich zu verändern.”

Wolfgang Blau beschreibt den Wandel, den der Journalismus aktuell durchmacht, als echte Revolution. Eine Revolution, die weh tut. Eine Revolution, die fordert und überfordert. Vor allem aber eine Revolution mit ungewissem Ausgang: “Das Netz schafft für uns alle eine neue Ordnung. Ob diese besser oder schlechter sein wird als die jetzige, das wissen wir noch nicht.”

Die schwierigste und wichtigste Aufgabe, die Medienmacher haben: Sie müssen den Kulturwandel mitmachen und gleichzeitig steuern. Laut Blau bewegt sich die Branche nicht schnell genug, sie habe viel zu viel Zeit mit nostalgischen Rückblicken verschwendet.

Journalisten täten sich so schwer mit der Veränderung, weil einst so sicher geglaubte Grenzen verschwimmen. Insbesondere zwischen Profis und Amateuren. Es geht um nichts weniger als die Identität des Journalisten, die Rolle und das Selbstverständnis, mit der er arbeitet.

Diese vorwärts gerichteten Gedanken äussert nicht irgendein hoffnungsloser Netz-Utopist, sondern Wolfgang Blau, Chefredaktor von ZEIT Online. Und das an einem Podium mit dem pessimistischen Titel: ” Wozu noch Journalismus?” That’s the spirit! Hoffentlich haben es seine Gedanken bis in die Köpfe des Publikums geschafft.

Kollege Bauer hat beim geschlossenen Anlass übrigens mitgebloggt und so zumindest einen Hauch Zukunft ins KKL gebracht. Ebenfalls lesenswert.

Chefwechsel bei der BaZ: The Plot thickens

Die Baz-Gruppe gehört mehrheitlich dem “Parvenü” (nach eigenen Angaben) Tito Tettamanti, der schon die “Weltwoche” auf stramm rechtskonservativen Kurs brachte. Der Wewo- VR-Präsident ist zugleich VR-Präsident der BaZ.

Nach einer Schamfrist lassen sie die Katze jetzt auch bei der Baz aus dem Sack. Anders kann man die programmatisch folgerichtige Chefredaktorenwahl nicht sehen (Markus Somm: Christoph Blocher/ Der Konservative Revolutionär”, 528 Seiten, 48 CHF; Appenzeller Verlag, Herisau AR).

Falls ich das richtig verstanden habe, ist die nächste Zielrichtung die Mittelandzeitung, der schon die Basellandschaftliche Zeitung gehört. Das Ganze liesse sich, vielleicht auch noch mit den “Schaffhauser Nachrichten”, der das Wasser am Hals steht, zur “National-Zeitung” -Gruppe zusammenfassen.

In dieser könnte dann die “Weltwoche” – die sich angesichts der sichtbaren Anzeigenflaute niemals selbst finanzieren kann – als semi-intellektueller Vorreiter den Kammerton vorgeben.

Der alte Kopftitel “National-Zeitung” – die BaZ besitzt dessen Rechte -, bekäme vor diesem Hintergrund eine neue, uralte Bedeutung, schön auf regionale Quasi-Monopole verteilt

Mich fröstelt einwenig.

Fred David:

Eine Präzisierung: Man kommt bei der gegenwärtigen Umverteilung im Schweizer Medienkuchen leicht durcheinander.

Die erwähnte “Basellandschaftliche Zeitung” gehört seit knapp zwei Jahren zum Verbund der AZ-Medien (Aargauer Zeitung, Limmattaler Zeitung, Sonntag), die “in Kooperation” mit der Mittellandzeitung (Solothurner Zeitung, Grenchener Tagblatt, Oltener Tagblatt, Zofinger Tagblatt, Lagenthaler Tagblatt, Luzerner Nachrichten) erscheint.

Das Ganze Gebilde nennt sich selbst “Reich der Mitte” und wirkt von ausssen leicht schwamperig, jedenfalls nicht so, wie ein langfristig festgefügtes und schon gar nicht wie ein konsolidiertes Reich.

Herrscher dieses Imperiums ist Peter Wanner, ein vifer, aber klammer Verleger, der sich womöglich etwas übernommen hat (insbesondere mit dem “Sonntag”).

Im letzten Jahr verbuchte er Mindereinnahmen von 40 Mio CHF, rote Zahlen und auch in diesem Jahr sind keine Mehreinnahmen budgetiert. Das kann schnell eng werden.

Die Eigenbkapitalquote liegt bei mageren 37%. Innvestitionen sind nur noch “mit Partnern” denkbar. Wanner hat bei der BaZ schon mal “sehr finanzstarke Investoren” geortet.

Das lässt zumindest aufhorchen.

Wir wollen nicht zu viel spekulieren, aber im Aargauischen ist still und leise auch ein Neuverleger am Werk. Der Autoimporteur und SVP-Financier Walter Frey, der auch mit Tito Tettamanti gut bekannt ist.

Der muntere Rentner ist nach langer politischer Abstinenz wieder sehr aktiv in der SVP und amtiert als deren Vizepräsident. Die “Bilanz” rechnet ihm ein Vermögen von 1 bis 1,5 Milliarden CHF zu

Frey ist VR-Präsident der etwas rätselhaften Verlagsgesellschaft Pro, in Zürich, ebenso mit Einzelunterschrift bei ZüriWoche und der Lokal Info AG.

Letztere übernahm er vor acht Jahren von Beat Curti. Die unscheinbare Lokal Info AG gibt vier beträchtliche Gratis-Quartierblätter mit redaktionellem Teil in Zürich heraus und deckt mit dem “Küsnachter” die ganze Goldküste ab.

Noch ist es zu früh, um 1 + 1 zusammenzuzählen in dieser etwas seltsamen Gemengelage. Aber man sollte doch mal ein Auge drauf haben.

Sybellinisch sagte Peter Wanner diesen Frühling, im Herbst 2010 werde man “klarer sehen”.

Mal sehen, was da noch auf uns zurollt.

Einmal mehr finden sich wirklich interessante Infos in Blog-Kommentaren. Drüben beim Medienspiegel hat zum Beispiel Fred David (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash») munter drauf los spekuliert und dabei – wie ich finde – einige bedenkenswerte Punkte in einen Zusammenhang gebracht. Ich bin gespannt, wie sich das ganze BaZ-Drama weiter entwickelt. Ein gutes Gefühl hab ich dabei aber nicht wirklich.

David Byrne: “Do we want to be more like the ants?” #Medienqualität

If one accepts that a democracy without an informed citizenry isn’t a democracy and shouldn’t refer to itself as one, then do we need to rethink how a democracy can work in our culture the near future? Some think the hive mind and self-regulating social networks are a model — that when everyone can speak and everyone is connected then the intelligence and the checks and balances will emerge all by themselves — but I’m not sure I’m ready to believe that millions of people with very little insight and almost no information can somehow magically turn into one smart collective entity.

That said, our cells don’t know what we (think we) know — individual cells don’t all “know” how to make a whole person, for example — but in a structural sense, actually, they do. The DNA for a whole person is contained in every cell, but it’s maybe less a complete blueprint than a small (relatively, for what it accomplishes) set of rules. Like swooping, flocking birds, fish or thousands of other creatures, the behavior of some groups appears to be intelligent, but it’s not. Not in the sense of being self-aware. Is that the model for a future society of “idiots” — a kind of emergent evolutionary structure? Everyone would be given a few basic rules to follow — as if instinctively — and then a whole society eventually emerges from that? It’s more like an ant colony than what we have now. It works for them. Do we want to be more like the ants?

Im Zusammenhang der aktuellen Diskussion um Qualität in den Medien und Demokratie scheint mir dieser Text von Talking Head David Byrne sehr bedenkenswert. Statt sich zu beschweren und gegen den technologischen Wandel zu lamentieren, macht er sich relativ nüchtern Gedanken darüber, was dieser für Konsequenzen für die Menschheit haben könnte. Und kommt dabei auf eine recht unheimliche, aber durchaus berechtigte Frage.

Und genau das ist der Punkt: Ich plädiere dafür, sich Gedanken über die Zukunft zu machen, statt einer Zeit nachzuweinen, die aufgrund des technologischen Wandels endgültig Vergangenheit ist.