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Zahlen und Aussichten zum digitalen Economist

Spätestens, seitdem Barack Obama im US-Wahlkampf AMA (Ask Me Anything) mit seiner virtuellen Anwesenheit geadelt und damit auch für Nichtgeek-Gesprächspartner interessant gemacht hat, gehört das das crowdsourced Interview-Format zu den spannendsten Gefässen im Netz. Aus journalistischer Perspektive scheint mir dieses hier mit Tom Standage, dem Digital Editor des Economist besonders erwähnenswert. Er gibt Einblicke in die Personalphilosophie, konkrete Abläufe und die politischen Hintergründe beim englischen Traditionsblatt. Ausserdem sagt er noch solche Dinge:

Our print circulation is over 1.5m but we think this is the top, and we expect it to decline. We keep saying that, but it doesnt. But it will. That said, we hope that the number of subscribers will continue to increase, as we sign up more digital-only subscribers. We currently have 150,000 digital-only subscribers, and we also have 600,000 people both subscribers and non-subscribers using our apps each week. The important thing for us is to deliver distinctive content that readers will pay for; whether its on paper or a screen, or in audio format, is not really the point. Our aim is to deliver our content in whatever form our readers want it; we are not wedded to print.On Newsweek, I think they tried everything last year to try to get people to buy their print edition, and it didnt work. So going all-digital makes sense. The bigger question for them, and for every publication including us, is whether what they produce is distinctive enough to get people to subscribe. If people can get essentially the same thing elsewhere for free, then youve got a problem.

Ein Klick lohnt sich..

«We didn’t quite understand…how quickly things fall off the cliff»

Das Nieman Lab hat ein grossartiges Gespräch zwischen den Autoren der Cover-Story der neuesten Ausgabe der Nieman Reports mit dem vielsagenden Titel «Breaking News – Mastering the art of disruptive innovation in journalism» veröffentlicht. Einer von ihnen ist Clay Christensen, Harvard Professor und Autor der Bücher «The Innovator’s Dilemma» und «The Innovator’s Solution», die zu den Standardwerken zum Thema Innovationsmanagement gehören. Die zentrale, altbekannte Frage: Wie können sich die angestammten Player in einem Markt behaupten, der von neuen, radikal anders denkenden Herausforderern komplett auf den Kopf gestellt wird? Erfrischend, dieser nüchterne Blick von aussen, den Clay und seine Kollegen an den Tag legen. Unbedingt lesen. Oder hören. Hier der Einstieg:

I think we didn’t quite understand, and still don’t really understand, how quickly things fall off the cliff. I think the reason why this happens is that, even as the disruption is getting more and more steam in the marketplace, the core business persists, and really quite profitable for a very long time. Then, when the disruption gets good enough to address the needs of your customers, very quickly, all of a sudden, you go off the cliff.

via Clay Christensen on the news industry: “We didn’t quite understand…how quickly things fall off the cliff” » Nieman Journalism Lab.

Innovation in turbulent times

News organizations have an innovation problem. Especially print media. As they gingerly wade into digital, their ability to foster innovation becomes more critical than ever. In today’s fast-changing landscape, they should view innovation as their main weapon against direct competitors and emerging players such as tech startups,.

Unfortunately, print media appears ill-equipped to innovate. The reasons are many.

Nach dieser kurzen EInleitung legt Frédéric Filloux los und zählt so viel Lesenswertes zum Thema Innovation in Medienunternehmen auf, dass der Nichtklick auf diesen Link für Leute aus dem Business keine Option ist.

Digital first: what it means for journalism

Going digital does not mean merely putting articles online before the presses roll, as then print still rules the process. No – digital first means the net must drive all decisions: how news is covered, in what form, by whom, and when. It dictates that when journalists know something, they are prepared to share it with their public. They may share what they know before their knowledge is complete so the public can help fill in blanks.

Wichtiger Artikel vom guten alten Jarvis, in dem er schlüssig argumentiert, dass “Digital First” sehr viel mehr bedeutet, als die Printinhalte über einen neuen Kanal zu verteilen.

Das Problem Hyperlocal neu gedacht: n0tice.com

N0tice-logo

Ich bin schon seit geraumer Zeit fasziniert von der Arbeit von Matt McAllister, dem Head of Digital Strategy beim britischen Medieninnovator Guardian. Nun hat er ein neues Projekt vorgestellt, dass er nur mal so nebenbei aus dem Ärmel geschüttelt hat: n0tice.com.

Mit dieser offenen, skalierbaren Plattform geht er das Problem Hyperlocal an. Inspiriert von Services wie Ushahidi, noticin.gs oder Foursquare bringt n0tice.com das Thema Community News auf ein neues Level. Kurz zusammengefasst ermöglicht die Site ihren Nutzern einerseits die Welt um sie herum sehr einfach abzubilden und andererseits auf diese Informationen ortsgebunden zuzugreifen. Das Ganze wird verknüpft mit simplen, aber gut durchdachten Game Mechanics, die produktive Teilnahme fördern sollen. Die Finanzierung des Ganzen soll über kontextsensitive Kleinanzeigen geschehen. So weit, so bekannt.

Den entscheidenden Innovationsschritt macht n0tice.com aber auf einer philosophischen Ebene: McAlister ist ein entschiedener Verfechter von offenen, vernetzten Plattformen und das zieht sich hier durch jeden Aspekt.

Angefangen bei der enormen Skalierbarkeit des Modells über die Tatsache, dass aller Content auf der Site als Creative Commons Attribution-ShareAlike lizensiert ist bis hin zur Offenlegung des Quellcodes scheint immer wieder durch, dass der leitende Gedanke immer war: Wie können wir die Plattform so gestalten, dass alle, die in irgendeiner Weise daran teilnehmen, profitieren können. Vernetztes Denken in Reinkultur. Ich bin gespannt, ob und wie sich die Site in diesem dicht besiedelten Segment durchsetzen kann.

 

 

Rusbridger: Openness, Collaboration Key to New Information Ecosystem

Utopians can’t stop thinking about the possibilities ahead: We literally lie awake at night fighting off the thoughts of what can be done — and what, even as we eventually submit to sleep, others are busy doing.

We think the future is about endless experimentation, that this is a journey which has barely begun. To us it seems fairly evident there are two features of this new information ecosystem which it would be foolish to ignore, whichever camp you’re in: openness and collaboration.

Schön gesagt, Herr Rusbridger. Den Rest seines Artikels lege ich euch aber auch ans Herz.

From Publisher to Platform: 14 ways to get benefits from social media #Guardian

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Vor kurzem habe ich eine kurze, relativ salopp vorgetragene Highpower-Präsentation vom Innovations-Chef des Guardian gepostet. In dieser Präsentation wird Mike Bracken konkret und beschreibt 14 Wege, wie der Guardian Social Media einsetzt, um bei der digitalen Zukunft ganz vorne dabei zu sein.

Lost behind the iPad-Wall: Pietro Supinos Gedanken zur «Qualität unserer Presse»

Die Medienwelt ist im Umbruch, das schafft neue Möglichkeiten. Es weckt aber auch Ängste. Der Schaffhauser SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr etwa hat vom Bundesrat einen Bericht über die Lage der Schweizer Presse verlangt, weil diese ihre «zentrale Rolle» in der direkten Demokratie nicht mehr «in der erforderlichen Vielfalt» erfülle. Der Bericht soll Anfang 2011 vorliegen. Alt-Bundesrat Christoph Blocher sieht die Meinungsäusserungsfreiheit in Gefahr und redet von einer «gesteuerten Presse». Und der Zürcher Soziologe Kurt Imhof spricht gar pauschal von einer «Medienkrise Schweiz». In seinem kürzlich publizierten Jahrbuch «Qualität der Medien» beklagt er den angeblichen «Vormarsch qualitätsschwacher Medien» wie Gratiszeitungen und Online-Newssites und unterstellt schrumpfende Vielfalt und eine Boulevardisierung der Medienarena…

Ja, jetzt würde man gerne weiterlesen und sich vielleicht auch in irgendeiner Kommentarspalte (am besten direkt unterm Artikel auf dasmagazin.ch) mit Freund, Feind und vielleicht sogar dem Autor himself über die Gedanken des Tamedia-Verlegers austauschen. Denn sie fügen der laufenden Diskussion die eine oder andere Facette hinzu und scheinen mir in der Gesamtheit betrachtet die bisher beste “offizielle” Replik auf Kurt Imhofs Angst um die Schweizer Medienlandschaft/Demokratie zu sein. Geht aber leider nicht.

Update: Kollega Menzler hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der ganze Artikel auf tagi.ch zu finden ist (thx). Erstaunlich. Wie dem auch sei: Klicket hin und diskutieret!

Update 2: Im Sinne der Transparenz (für mich eines der entscheidenden Kriterien journalistischer Qualität) möchte ich als Mitarbeiter von 20 Minuten Online noch rasch darauf hinweisen, dass Herr Supino im Grunde genommen mein oberster Chef ist.

#S21, Gladwell, Revolutionen und Social Media

Vor einigen Tagen veröffentlichte Erfolgsbuchautor Malcolm Gladwell (“Blink”, “Tipping Point”) einen Artikel, in dem er die Euphorie um das revolutionäre (im gesellschaftlichen Sinn) Potential von Social Media grundsätzlich in Frage stellt. Eine durchaus spannende Lektüre mit Standpunkten, die sicherlich bedenkenswert sind. Ob man sie nun teilt oder nicht, ist dann eine ganz andere Frage. Wie erwartet folgte die Replik der Netzgemeinschaft auf dem Fuss. Gladwell verkenne die Bedeutung von “weak ties” oder er argumentiere anachronistisch, hiess es da. Eigentlich schien mir damit alles gesagt zum Thema Gladwell. Bis gestern.

Ich habe die Kontroverse um den geplanten Neubau des Stuttgarter Bahnhofs lange Zeit nur am Rande mitverfolgt. Ein paar Fanatiker, die sich über die üblichen Mauscheleien der Staatsobrigkeit echauffieren: Das war das Bild, das sich aufgrund unterschiedlichster, primär massenmedialer Soundbytes in meinem Kopf geformt hatte. So weit, so normal. Heute, am Tag nach der gewaltsamen Eskalation der Lage, zeichnen viele Massenmedien ein deutlich dramatischeres Bild der Geschehnisse und ich würde behaupten, dass Social Media und hier insbesondere Twitter (via #S21) und Blogs (zum Beispiel hier) mitverantwortlich dafür sind, dass die Proteste in Stuttgart ihre abstrakte Ebene verliessen und zu einer menschlichen Geschichte wurden. Die schwer greifbare Masse von “Demonstranten” hat in der heutigen Kommunikationswelt eine Stimme, und diese war (und ist) gefüllt mit Wut, Trauer, Empörung. Hysterie und übertriebener Pathos waren natürlich auch dabei, die ganze Bandbreite halt.

Ich bin überzeugt davon, dass diese in Echtzeit verbreiteten Statusmeldungen (ganz zu Schweigen von den zahlreichen Livestreams, Videoclips, Handy-Fotos) einen starken Effekt auf die öffentliche Berichterstattung hatten. So war es zumindest bei uns auf der Redaktion (20 Minuten Online). Eine nüchterne Agenturmeldung (und wer wie die meisten CH-Medien keinen Stuttgart-Korrespondenten hat, ist für seine Berichterstattung auf solche Quellen angewiesen) hätte das Ausmass der Empörung über die Vorfälle niemals so verdeutlichen können, wie eine Twitter-Suche nach dem Hashtag #S21 gestern Nachmittag. Was dort in atemberaubendem Tempo an Status-Updates durchraste zeichnete ein wirklich dramatisches Bild der Lage und das fliesst beim Autor eines Artikels zum Thema garantiert mit ein, wenn er seine Zeilen tippt.

Und so würde ich behaupten, dass Social Media sehr wohl die Kraft hat, gesellschaftliche Änderungen herbei zu führen. Zum einen direkt, indem sich die Menschen untereinander austauschen, von ihren Erlebnissen erzählen. Zum anderen aber auch indirekt, indem die Berichterstattung in den Massenmedien vom Zugang zu einer explosiv gröseren Zahl von emotional stark aufgeladenen Augenzeugenberichten beeinflusst wird.

Ob das im Fall #S21 zu echten Konsequenzen führt, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen. Das Potential aber, das ist vorhanden.

Und damit hab ich jetzt doch noch meine 2 Cents zu Gladwells Anti-Social-Media-Thesen abgegeben.

 

Update: Auf Carta ist zu sehen, wie das Thema gestern auf Twitter regelrecht explodiert ist.