Wer braucht noch ein CMS?

Ein etwas philosophischer Aufsatz von Craig Mod, der einen zentralen Punkt herausschält: Inhalt und Medium sind heute unabhängiger voneinander denn je. Facebook reicht vollkommen aus, um eine Leserschaft aufzubauen. Schlussendlich stellt sich aber die Frage: Will man sein Schicksal komplett in die Hände eines Unternehmens legen, das in allererster Linie seine eigenen Interessen verfolgt?

This company with four million fans soon to be five, soon to be ten. They decided back in 2010 to make Facebook their shrine. They spent five minutes setting up their Facebook page. Five minutes. That was their development cost. They didn’t engineer a custom CMS. They didn’t modify Django. They spent five minutes and were done and then spent three months hustling.

via Our New Shrines | Contents Magazine.

Currents und die Selbstwertprobleme von Google

Wie wir gestern stolz mitteilen durften, ist die NZZ als Launchpartner beim Europa-Start der Aggregator-App Google Currents mit dabei.

Ob diese App aus technischer Perspektive das Zeug hat, Aggregator-Platzhirsche wie Flipboard oder Zite von den Home Screens dieser Welt zu verdrängen, sollen andere beurteilen. Was mir selbst beim ersten Ausprobieren am stärksten auffiel, war vor allem ein kleines Detail. Es macht deutlich, mit welcher Entschlossenheit Google sein soziales Netzwerk in den Markt drücken will. Wer spannende Artikel aus Currents mit seinem Netzwerk teilen möchte, tut dies wie gewohnt über einen Sharing-Button. Das einfache Antippen desselben gibt dem User aber statt einer kompletten Liste mit entsprechenden Services erst einmal nur Google+ und Email zur Auswahl. Erst ein erneuter Tap auf “More…” bringt Standards wie Facebook, Twitter oder Tumblr zum Vorschein – aus UX-Perspektive eine eher suboptimale Lösung. Aber darum geht es hier offensichtlich nicht. Vielmehr zeigt sich darin einmal mehr die grosse Strategie von Neo-CEO Larry Page, Google+ als “Unifying Layer” über die bisher als einzelne Produkte unabhängig voneinander existierenden Dienste von Google zu ziehen.

Damit bewegt sich der Konzern auch auf einer strategischen Ebene in Richtung Facebook, das mittlerweile ebenfalls eine unglaubliche Vielzahl von unterschiedlichen Diensten anbietet, diese aber so geschickt verknüpft, dass das Publikum sie als Features eines einzigen Produktes wahr nimmt. Das macht durchaus Sinn, bündelt es doch die Kräfte und vereinfacht das Marketing ungemein. Aber: Wenn eine solch grundlegende Änderung des bisher auf modularer Freiwilligkeit beruhenden Dienstleistungsangebots von Google auf Biegen und Brechen durchgedrückt wird, wirkt das alles ein wenig unsympathisch und ja, auch verzweifelt. Insbesondere, wenn dabei bewusst Kollateralschäden im Bereich UX in Kauf genommen werden. Meilenweit entfernt davon, was Google ursprünglich gross gemacht hat: Das Selbstbewusstsein einen so überragend guten Service anzubieten, dass er sich von selbst verkauft.

Facebook and Instagram: When Your Favorite App Sells Out

Der mit Abstand am besten geschriebene Kommentar zur Instagram-Akquisition stand gestern auf der Seite des NY Mag. Hier das Fazit als Appetizer, lest aber unbedingt den ganzen Text.

When people write critically about Facebook, they often say that “you are the product being sold,” but I think that by now we all get that. The digital substance of our friendships belongs to these companies, and they are loath to share it with others. So we build our little content farms within, friending and upthumbing, learning to accept that our new landlords are people who grew up on Power Rangers. This is, after all, the way of our new product-based civilization — in order to participate as a citizen of the social web, you must yourself manufacture content. Progress requires that forms must be filled. Thus it is a critical choice of any adult as to where they will perform their free labor. Tens of millions of people made a decision to spend their time with the simple, mobile photo-sharing application that was not Facebook because they liked its subtle interface and little filters. And so Facebook bought the thing that is hardest to fake. It bought sincerity.

via Facebook and Instagram: When Your Favorite App Sells Out — Daily Intel.

Facebook, quo vadis?

Facebook-like-thumbs-up

In den letzten Monaten hat sich die Zahl der Status-Updates in meinem Facebook-Newsfeed dramatisch verringert. Noch im vergangenen Sommer schaute ich mindestens stündlich vorbei, um zu schauen, welche Neuigkeiten sich in meinem Freundeskreis abspielen. Es war spannend, eine echte Bereicherung meines medialen Alltags. Das ist vorbei. Heutzutage nutze ich Facebook zu 80% in einem sehr eng begrenzten Rahmen, einer privaten Gruppe mit vier Freunden in der wir uns im geschlossenen Rahmen und frei von sozial aufgezwungener Political Correctness über hochintelligente Profanitäten austauschen. Statusupdates an meinen gesamten Freundeskreis sind zur Ausnahme geworden.

Mehr aus Gewohnheit, denn aus Interesse klicke ich noch ab und zu in den eigentlichen Newsfeed, bin aber fast immer enttäuscht davon, was ich dort vorfinde. Wenn auf Netzfundstücke hingewiesen wird, dann handelt es sich meist um Interessantes aus dem Kuriositätenkabinett, bei dem mit der Headline meist schon alles gesagt ist. Dann gibt es Friends, die via YouTube ihren Musikgeschmack kund tun, was ich eigentlich auch ganz nett, wenn auch sehr flüchtig finde (wieso kann ich keine Liste mit Favoriten erstellen?). Und schliesslich gibt es eine Hand voll Leute, die genuin spannende Einträge verfassen und damit für den grössten Teil der Dialoge sorgen. Nur: Letztere sind allesamt auch bei Twitter vertreten. Und posten ihre geistigen Ergüsse parallel an beiden Orten. Bei all dem fehlt aber etwas, das den ursprünglichen Reiz von Facebook ausgemacht hat: News aus dem Privatleben meiner Freunde. Mein subjektiver Befund lautet (und ich lasse mich gerne eines Besseren belehren): Die ursprüngliche Nutzung von Facebook als Mittel, um über die Geschehnisse in seinem Freundeskreis informiert zu sein nimmt tendentiell ab.

Das heisst keinesfalls, dass ich Facebook abschreiben würde, im Gegenteil. Neben einem anhaltenden Wachstum der User-Base in neuen Märkten scheint sich das Unternehmen der Gefahr einer Stagnation der Aktivitäten bestehender Nutzer nur allzu bewusst zu sein und unternimmt alles, um interessant zu bleiben – siehe Places, Deals und Like-Buttons. Die Nutzung solch neuer Funktionen hat sich aber – zumindest in meinem Newsfeed – bisher nicht durchgesetzt. Wenn uns das Kapitel Myspace eins lehrt, dann ist es die Tatsache, dass die User bereit sind, ihre digitalen Zelte in Windeseile am nächsten Ort aufzubauen. Die aktuelle Dominanz und die damit verbundene fantastische Bewertung des Zuckerberg-Imperiums könnten sehr schnell Schnee von gestern sein.

Vor ein paar Wochen besuchte ich einen Workshop des Guardian-Journalisten Simon Rogers zum Thema Datajournalism. Dabei kam mir die Idee, dieses diffuse Gefühl vom statustechnischen Niedergang von Facebook mit harten Daten zu untermauern. Während mir die Techniken zur Analyse und Aufbereitung der entsprechenden Rohdaten einigermassen klar sind, hab ich keine Ahnung, wie ich an sie heran kommen soll. Deshalb meine Frage an die Programmierer unter euch: Gibt es eine Möglichkeit, den gesamten Output an (öffentlichen) Statusupdates für eine bestimmte Region – in diesem Falle die Schweiz – in einer Datenbank zu erfassen? Vielleicht sogar für einen vorgegebenen Zeitraum, der in der Vergangenheit liegt, um vergleichende Analysen durchführen zu können? Also zum Beispiel Februar 2010 im Vergleich zum Februar 2011. Ein Einstiegspunkt wäre die Graph API. Ich kenne mich mit solchen Dingen aber leider (noch) zu wenig aus, um in vernünftiger Zeit zu einem Resultat zu kommen.

Und dann gleich noch einen weitere Frage, diesmal an die geschätzten Ottonormal-User gerichtet: Wie relevant ist Facebook für euch im März 2011? Wofür nutzt ihr den Dienst in erster Linie? Ich freu mich auf spannenden Input!

Und jetzt poste ich diesen Artikel auf Facebook.

the Facebook controversy in a nutshell

Some of us are already sharing our lives to the web at large, while many of us never will. But what we all have in common is that the decision of where to draw the line between our public and our private selves belongs to us, and no one else. Honoring that principle will mean Facebook forgoes short-term revenue. But over the long term it’s the surest way for Facebook to reach its potential.