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Soundtrack: Bloc Party – Signs Kid Cudi – Day And Night Dario Rohrbach – Only For You

Es geht mir auf den Sack! Das ständige Geklöne der Basler Nachtschwärmer ist manchmal verständlich, meist aber nicht zu ertragen. „Typisch Basel“ heisst es immer dann, wenn am Wochenende nicht drei grosse Konzerte und fünf Parties gleichzeitig laufen – im eigenen Geschmackssegment, wohlverstanden. Und damit sind wir auch schon beim Punkt meiner diesmonatigen Ausführungen zum Nachtleben unserer schönen, kleinen Stadt angelangt.

Wer ständig über das hiesige Ausgehangebot herzieht, vergisst ein paar Fakten. An erster Stelle steht dabei die Grösse. Selbst wenn Basel die zweitgrösste Stadt des Landes ist: Wir sind keine Metropole und werden es niemals sein. 180′000 Einwohner, davon 30′000, die man als Jugendliche bezeichnen kann, das ist nun mal einfach keine Metropole. Mit der Agglomeration, die durch die Landesgrenzen massiv verkleinert wird, verdoppeln sich diese Zahlen vielleicht. Aber auch das ist noch Provinz. Und dafür läuft hier erstaunlich, erfreulich viel, finde ich. Seit ungefähr drei Jahren checke ich Wochenende für Wochenende beruflich ab, was in dieser Stadt im Bereich Parties und Konzerte läuft. Und in dieser Zeit ist das Angebot von Jahr zu Jahr gewachsen. Mal mehr, mal weniger.

Aber gerade dieser Clubherbst hat mit dem Volkshaus einen Neuankömmling zu feiern, der in Punkto Indie-Rock wunderbare Konzert-Perlen in die Stadt bringt. Dazu kommen Mini-Locations wie Parterre, Annex oder Gleis 13, deren Line-Up immer eine nette Alternative zum gewohnten Club-Einerlei bietet. Mit dem nt/Areal hatten wir diesen Sommer eine Openair-Location, die trotz aller Probleme schweizweit einzigartig war. Einzelveranstaltungen wie Im Fluss, Chill am Rhy, Imagine und eine Menge kleinerer Festivals zeigten, dass die Musikszene auch im Sommmer lebendig ist. Clubs, vom Schlage eines Fame, eines A2, oder dem bald öffnenden Wall Street Club (ob der Name immer noch so gut gewählt ist?) und wie sie alle heissen gibt es ja auch noch. Und natürlich die Kaserne, die im November trotz anderweitiger Kommentare ein wirklich geiles Musik- und Partyprogramm bietet. Und das schreibe ich nicht nur, weil meine Zeilen in diesem Programmheft stehen. Wer sich auch nur halbwegs für coolen Pop interessiert, wird mir zustimmen, dass DJ Premier, Capleton oder Late of the Pier Acts von internationalem Standard sind. Von innovativen Projekten, wie PRIVAT ganz zu schweigen. Das ist doch eigentlich ganz ok.

Vielleicht könnte man die ewigen Motzer für ein Wochenende in eine Stadt gleicher Grösse im Ruhrpott verfrachten. Bin gespannt, was das Verdikt eines solchen Ausflugs wäre.

Ich weiss, eine positive Wertschätzung des Nachtlebens unserer Stadt wäre für viele Leute problematisch – sie wüssten nicht, über was sie motzen sollen. Und ja, von mir aus kann es auch noch hundert weitere Clubs und Konzertlokale geben. Aber grundsätzlich muss dem Basler Nachtleben endlich, endlich mal eine Lanze gebrochen werden. Denn es ist so viel vitaler, spannender und vielfältiger, als in der Diskussion wahrgenommen wird. Und das ist doch irgendwie schade. Niemand sagt, dass man im Rest der Schweiz mit stolzgeschwellter Brust vom legendären Nachtleben am Rheinknie schwärmen soll. Aber ein bisschen zufrieden sein, mit dem was man hat, bedenken, dass unsere Stadt keine Millionenmetropole ist, das tut nicht nur der Seele gut, sondern zeigt auch eine Wertschätzung für all die Menschen, die in dieser Stadt Dinge unternehmen, um die Langeweile aus der Nacht zu vertreiben.

pop.culture.lab 003

Soundtrack: Kanye West vs. Radiohead – Reckoner Lockdown

Dee Lite – Groove Is in the Heart

Kylie Minogue – Can’t Get You Out of my Head

Disclaimer: Ich bin jetzt 30. Als ich vor 15 Jahren mit meinen Kumpels die ersten Parties im Hirschi-Keller schmiss, tanzten im Publikum fast nur Freunde, Kollegen und Menschen, die man von woauchimmer kannte. Wir waren alle ungefähr gleich alt und gleich hungrig auf Abenteuer, zumindest nahm ich das so wahr. Wie das so ist in dem Alter, war jede Party neu, jede Party einzigartig und damit jedes Wochenende legendär. Die folgenden Jahre verbrachte ich partytechnisch zu einem grossen Teil als DJ hinter Plattentellern. Ein perfekter Ort, um zu beobachten. Die Freunde von damals feierten sich, uns und die Welt weiterhin, als ob es kein morgen gäbe – ich mit ihnen. Und immer öfter mischten sich neue Gesichter unter unsere wachsende Wochenend-Gemeinschaft, sie wurden begeistert aufgenommen.

Irgendwann begann eine Entwicklung, die ebenso unerwartet, wie unvermeidbar war: Die Anzahl neuer Freunde auf der Tanzfläche nahm ständig zu, während die Exzesse meiner alten Kampfgefährten langsam sporadischer wurden. Einige von ihnen entdeckten die Instant-Freuden einfacher Scheiaweia-Mucke (80s, Oldies) und feierten anderswo in Lackschuhen weiter, andere verabschiedeten sich fürs Studium in fremde Städte und einige wenige – diese Gruppe bereitete mir am meisten Sorgen – begannen das Interesse am Hedonismus auf dem Dancefloor und parallel dazu auch an den Herausforderungen neuer, unbekannter Musik langsam zu verlieren. Abendessen im kleinen Kreis und so. Nicht so anstrengend.

Das exzessive Nachtleben ist etwas für Menschen mit einem Sprung in der Schüssel – was unter den richtigen Umständen ein wunderbares Kompliment ist. Das war mir irgendwie schon immer bewusst. Den endgültigen Beweis für diese Annahme erbrachten Reisen in die grossen Städte dieser Welt: Ich legte in Barcelona, Berlin, Jakarta auf, sah wie die Menschen dort feierten. Und wie dort in den Clubs auch Menschen mit grauen Haaren völlig unpeinlich eine ganze Menge Style zur Schau stellen konnten. Vielleicht, so überlegte ich mir, zieht es eine bestimmte Art von Mensch (eben die mit diesem wunderbaren Sprung in der Schüssel) irgendwann zwangsläufig in eine Grosstadt, weil sie sich nur dort in einer Community von Gleichgesinnten bewegen kann. Die Art von Mensch, die sich auch jenseits der 30er-Schallgrenze eine Neugier für aktuelle Entwicklungen des Nachtlebens bewahrt hat. Die vielleicht auch noch einen Sinn für Fashion hat. Die sich nicht darüber freut, das immergleiche Standard-Programm abzuspulen. Und diese Menschen fehlen dann hier bei uns.

Für meine Arbeit als Journalist rede ich oft mit DJs. Aus verschiedensten Szenen. Die meisten von ihnen sind über 20 (ich habe das Gefühl, Newcomer am Plattenteller sind heute rarer gesät, denn je) und machen dieselbe Beobachtung: Bei uns ist das heftige Partymachen als Selbstzweck für eine Mehrheit der Leute nur eine auf den Übergang vom Teen zum Twen begrenzte Phase in ihrem Leben. Diejenigen, die den Spass am Nachtleben als Lebenshaltung sehen, fühlen sich irgendwann unwohl in einem Publikum, das rein biologisch bald auch der eigene Nachwuchs sein könnte. Und bleiben zuhause, oder ziehen weg. Öffentliche Parties für ältere Semester sind bei uns alles andere, als Selbstzweck, wie ich im Selbstversuch feststellen musste: Vor einiger Zeit wagte ich mich an eine offiziell deklarierte Ü-25-Party. Ich wollte wissen weshalb sich diese Art der Veranstaltung plötzlich so explosionsartig verbreitet hatte. Mein mulmiges Magengefühl bestätigte sich: Statt Freude an der Musik und ausgelassenem Hedonismus, beäugten sich die angehenden 30er mit akuter Torschlusspanik verzweifelt. “Bist du es ? Oder du? Oder du?” sagten ihre rastlos umherwandernden Blicke. Die Musik spielte überhaupt keine Rolle, solange sie einen Beat hatten, zu dem man die eigene Lockerheit mit einem beherzten Hüftschwung beweisen konnte. Das kann es doch nicht sein, dachte ich mir. Und ging nach Hause.

pop.culture.lab 002

Soundtrack:

Capleton – Slew Dem (1999)

Capleton – Top a Tings (2006)

TV on the Radio – Love Dog (POP.IST.NIE.BESSER.ALS.JETZT)

Das Thema dieser Kolumne liegt durch die musikalischen Highlights des November-Programms auf der Hand. Und ich hab erst einmal leer geschluckt. Denn mit Capleton kommt ein Reggae-Sänger in die Kaserne, der umstritten ist. Und das ist jetzt noch fein ausgedrückt. Im Mai kochten die Emotionen schon einmal hoch, als Sizzla, ein Kumpel von Capleton, in der Roten Fabrik spielte. Beide haben in der Vergangenheit zur Gewalt gegen Schwule aufgerufen, der Aufschrei der Gay-Community ist deshalb durchaus nachvollziehbar. Ebenso nachvollziehbar ist der altbekannte Verteidigungsreflex der Reggaefreunde: Kulturimperialismus! Unverständnis für die Lebensumstände in Jamaika! Und: das alles sei in Wirklichkeit ja eigentlich metaphorisch gemeint und deshalb nicht ganz wörtlich zu nehmen.

Ja, ja, ja. Recht haben beide Gruppen, irgendwie. Es ist eine Diskussion, die wohl niemals endgültig abgeschlossen wird. Und trotzdem geführt werden muss. Bei all der Aufregung wird vergessen, dass es hier um Musik geht, um Popkultur. Und diese lebt immer auch von Widersprüchen, von Affronts, von Anstössigkeiten. Das ist bei vielen global operierenden Rap-Schwergewichten nicht anders, sie kombinieren Homophobie dann gleich noch mit Frauenverachtung und Gewaltverherrlichung. Maximaler Impact = maximale Gewinne. Trotzdem ist das Heulen im Blätterwald hier mittlerweile deutlich abgeklungen: Bushido, Eminem und ihre Thugs haben mit verbalen Rammböcken kulturelle Bollwerke gestürzt. Sie gehören heute zum etablierten Konzertbetrieb, zieren die Titelseite der Bravo, veröffentlichen Bücher, kleiden die Kids ein. Und keiner regt sich darüber auf. Zumindest nicht mehr laut genug, als dass es über das Informations-Grundrauschen hinaus gehen würde. Vielleicht weil verstanden wurde, dass der Ruf nach Zensur nutzlos, oft sogar kontraproduktiv ist. Er erstickt nicht nur den Dialog im Keim, sondern gibt den indizierten Künstlern den Ritterschlag des Verbotenen, macht sie unter Umständen erst dadurch gross. Und wirft dann die eine oder andere Crib ab, mit der man auf MTV protzen darf.

Ich würde behaupten, dass in unseren Breitengraden die grosse Mehrheit der Besucher von Reggae-, oder Hip-Hop-Veranstaltungen wegen der Musik, den fetten Beats, dem Happening hingeht. Die meisten verstehen die Texte nicht, oder kümmern sich nicht darum. Was zählt ist die unbändige Energie der Musik. Sie ist unbestritten. Das ist der Grund, weshalb Veranstalter, selbst wenn sie in traditionell randgruppenfreundlichen Häusern wie der Roten Fabrik oder der Kaserne tätig sind, nicht auf kontroverse Acts verzichten wollen. Sie verstehen, dass Widerspüchlichkeit integraler Bestandteil der Popkultur ist und dass man dieser Tatsache Rechnung tragen sollte, wenn man relevant sein will. Man kann Popmusik nicht einfach bedingungslos gut oder bedingungslos schlecht finden, dafür ist sie zu komplex. Kleine Randnotiz: Capleton gehört zu den Sängern, die den „Reggae Compassion Act“ unterschrieben haben. Ein Dokument verschiedener Schwulenorganisationen, in dem er sich öffentlich dazu bekennt, dass „Rassismus, Gewalt, Sexismus und Homophobie“ keinen Platz in der Musik haben und sich dazu verpflichtet, keine schwulenfeindlichen Songs mehr zu singen. Ein 50 Cent würde sich mit einem solchen Schriftstück wohl den Hintern abwischen. Man kann das als scheinheilige Imagepflege des Jamaikaners betrachten. Aber wir alle wissen: die Hoffnung stirbt zuletzt. Will man sie mit einem kompromisslosen Boykott wirklich lebendig begraben?

pop.culture.lab 001

Soundtrack:

Doc Scott – Shadowboxing

Jones & Stephenson – First Rebirth

Smashing Pumpkins – Mayonnaise

Es war vor 10-15 Jahren, vom Gefühl her. Genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Da begann dort, wo heute das Bahnhofsmonster einen Fuss im Gundeli absetzt, die alternative Cubkultur von Basel. Zumindest für mich. Das Schlotterbeck (einer der ersten Clubs der Stadt, in denen Rave gespielt wurde) hatte ich aus Altersgründen verpasst, das Planet E war zwar maximale Clubkultur, aber fühlte sich eher an wie das Endprodukt und nicht das Aufkeimen einer Alternative. Was dem dort gehabten Spass natürlich in keinster Weise abträglich war. Anywayz. Es gab damals einen Club, ein Kunstprojekt, ein Experiment, das “@home” hiess. Dort lebte ein seltsamer Haufen von Menschen. Sie arbeiteten dort, machten Kunst und sie feierten. Wilde Parties, mit aufregender, neuer Musik. Jedes Mal, wenn man dorthin kam, sah der Raum anders aus. Einmal stand ein riesiger Berg aus Kissen mitten auf der Tanzfläche, ein anderes Mal baumelte dort ein Bettgestell samt Matratze von der Decke. Und dazu lief aufregende, neue Musik, wie sie sonst in keinem Club der Stadt gespielt wurde. Jede Nacht @home war ein Abenteuer, mit ungewissem Ausgang.

Ich glaube nicht, dass die Parties damals rüder waren oder härter abgingen. Aber sie hatten Herz. Jede von ihnen war einzigartig. Vielleicht ist das eine romantische Verklärung der Vergangenheit, schon klar. Trotzdem: Als mir Laurence Desarzens bei einem Mittagessen vom Projekt PRIVAT erzählte, schwebte mir sofort diese Clubutopie vor dem geistigen Auge. “Parties sind ein bissschen laangweilisch geworden”, erzählte sie mir da in ihrem charmanten Francodeutsch und als angehender Veteran des Nachtlebens musste ich ihr da wohl oder übel zustimmen: Das Format “Party” ist heute weitestgehend definiert. Ein gepflegter Absturz in geordneten Bahnen hat ja durchaus seine Berechtigung, wie die Warteschlange vor dem A2 immer wieder auf brutale Weise in die Nacht schreit. Aber leider nützt sich das ziemlich schnell ab. Irgendwann hat man es einfach gesehen, erlebt. Irgendwann geht man einfach nicht mehr hin. Und vermisst es nicht.

So, wie ich das verstanden habe, ist bei PRIVAT noch nichts definiert, ausser der Ort des Geschehens und seine Bewohner. Das Projekt startet am 1.Oktober 2008. Zwei Menschen ziehen in den Rosstall 2. Mit Sack und Pack. Und teilen ihren Lebensraum manchmal mit den wochenendlichen Nachtschwärmern. Das eröffnet viele Möglichkeiten: Ein Apéro mit Freunden in der gepflegten Stube? Gerne. Ab ans Konzert? Yeah! Afterhour bei uns mit DJs? *yEaH#h! Diese Dynamik lässt sich nicht erzwingen. Aber man kann ihr ein Zuhause geben. Eines, das die Freiheit gibt, herumzuprobieren. Vieles davon wird wohl in die Hose gehen. Aber das ist doch ok. Solange auch Momente entstehen, die in keinem Businessplan vorherzusehen sind. Bei denen sich kein Break Even errechnen lässt. Weil es darum überhaupt nicht geht. Wird PRIVAT so ein Projekt? Ich weiss es nicht, kann nur hoffen. Aber ich freue mich auf den Versuch! Denn ich will bald wieder mal nach einer durchzechten Nacht betrunken im Bett liegen. Und lächelnd denken: Heute war es seltsam, anders, unvergesslich. Heute war es gut. So richtig.