pop.culture.lab 007

Soundtrack:

Hot Chip – Boy from School

New Order – Blue Monday

La Roux – In For The Kill

Neulich war ich an der Afterparty einer Modeschau. Es war toll. Schon zwei Tage im Voraus redete die Geschmackspolizei, also die Leute, welche Veranstalter (aus Gründen, auf die ich später zurückkommen werde) am liebsten an ihren Parties tanzen sehen, davon. Gibt es noch Tickets? Muss man früh da sein, um reinzukommen? Gehst du auch schon zur Modeschau um acht? Oder erst an die Party? Hast du schon Tickets? Es ist anscheinend schon ausverkauft! Es gab viel zu bereden. Statt mit einer Modeschau, wärmte ich mich mit einem netten Karaokeabend für diese Zelebrierung eidgenössicher Couture-Avantgarde auf. Am Laufsteg langweile ich mich nun einmal immer so schnell, da mögen die Models noch so grazil verpackt über die Bretter schweben. Nichts gegen Mode an sich, Karaoke ist halt einfach noch einen Tick lustiger.

Als ich gegen eins auf dem Kasernenareal eintraf, fiel mir als erstes die unglaubliche Fahrraddichte auf dem Trottoir auf. Ein todsicheres Zeichen für volles Haus. Und vor der Kasse eine lange Schlange – die sich nicht bewegte. Ausverkauft. Dank einer gesunden Portion Vitamin B kam ich trotzdem rein. Und all meine Erwartungen wurden erfüllt: Schöne, gut angezogene, interessante Menschen, wo man hinschaute. Die meisten in angeregte Gespräche versunken. Wohl darüber, wie gut sie aussehen. Oder wie gut die Kleiderkreationen der Diplomanden aussahen. Oder die Models. Ich sah natürlich auch gut aus und konnte mich so unerkannt unter den Fashionistas bewegen, keiner hätte geahnt, wo ich bisher gewesen war. Schliesslich kam ich auf dem Dancefloor an. Schon weniger dicht, die Atmosphäre hier. Penetrante Beats brüllten aus den Boxen, Partymucke der einfacheren Sorte – für jeden was dabei, irgendwie. Es waren DJs aus – oh la la – Paris, mit coolen Tracks auf dem Laptop. Eigentlich. Diejenigen, die sie dann spielten, waren aber grösstenteils nichtssagend. Bis auf Blue Monday von New Order. Aber selbst dieser Übersong kümmerte die Menschen im Raum nur am Rande.

Denn – und darauf will ich die ganze Zeit schon hinaus – es gibt Parties, an denen es im Grunde genommen scheissegal ist, was für Musik läuft. So lange sie nicht allzu fest stört beim Spass haben. Diese Art von Parties funktioniert rein und ausschliesslich über den Buzz (Achtung, englisches Wort) im Vorfeld. Wie wird eine Party zum Place2Be, fragen sie sich nun bestimmt. Das frage ich mich auch. Hätte ich die Formel, wäre ich nämlich ein reicher Mann. Ich kann nur raten. Und dann würde ich behaupten, dass es ganz sicher mit den Menschen hinter der Party zusammenhängt und mit den glamourösen Erwartungen, die mit ihrer Anwesenheit verbunden sind. Eine gewisse Exklusivität spielt definitiv auch eine Rolle – schliesslich freut sich jeder darüber, dazu zu gehören. Und wenn man „drin“ ist, hat man das ein kleines bisschen geschafft. Jedenfalls sehr viel mehr, als die die „draussen“ in der Schlange stehen. Der jährlich wiederkehrende Wahnsinn um die ArtParty ist ein wunderschönes Beispiel für die Art Feierei (Wortspiel. lustig?), die ich hier beschreibe. Als dort dieses Jahr mit Hot Chip eine der ultimativen Hipster-Bands der Saison auf der Bühne standen, waren sie nur wenig mehr, als eine laute Kulisse. Viel zu sehr waren die Gäste mit sich selbst beschäftigt, um noch Hirn- und damit Euphoriekapazität für eine der grossartigsten Bands unserer Zeit zu haben. Aber egal. Ich selber bin da keine Ausnahme: Der Buzz um diese Art von Parties verfehlt seine Wirkung auch bei mir nicht. Wenn es irgendwie geht, bin ich immer dabei. Und freue mich darüber.

pop.culture.lab 006

Soundtrack:

Empire of the Sun – Walking on a Dream

Animal Collective – My Girls

The KLF – What Time Is Love?

Ein sehr guter Freund von mir hat ein etwas seltsames Problem mit seinem Leben: Er wünscht sich nichts sehnlicher, als ein paar Jahre früher geboren zu sein. Und zwar einzig aus dem Grund, weil er dann den englischen Summer of Love 1989 miterlebt hätte. Er hätte gemeinsam mit der gesamten Jugend Grossbritanniens an illegalen Grossraves irgendwo in der hügeligen Countryside getanzt. Er hätte Ecstasy und LSD genommen. Er hätte die unglaubliche Euphorie miterlebt, welche die drogenbeflügelte Explosion der Dancemusik innert wenigen Jahren zu einem globalen Phänomen werden liess. Ein paar Jahre Zuspätaufdieweltkommen haben ihn all dieser Erlebnisse beraubt.

Ok, das ist eine ziemlich extreme Form der Vergangenheitsverklärung und hat damit eher anekdotischen Wert, als sonst irgendwas (vielleicht noch: sie liefert einen schönen Einstieg zum popculture lab dieses Monats). Aber tatsächlich ist die romantisch-glückselige Verklärung der Vergangenheit gerade in der Clubkultur derart verbreitet, dass ich diesem Phänomen mal ein paar Gedanken widmen möchte. Welcher Konzert- oder Partygänger, der seit mehr als zwei Jahren unterwegs ist, hat den Ausspruch „früher war alles besser“ noch nie gehört? Wer hat ihn selber noch nie mit einem leichten Seufzen dahin gesagt, oder zumindest heimlich gedacht? Eben. Und aus subjektiver Sicht ist es wohl auch jedes Mal richtig, der Vergangenheit eine Träne zu widmen. Denn damals (das für jeden ein anderes ist) war alles frisch. Neu. Und brannte sich deshalb für immer ins Gedächtnis ein. Das gilt insbesondere für die ersten Abenteuer im Nachtleben. Ans erste Besäufnis erinnert sich wohl jeder. Ebenso deutlich, wie ans erste Konzert, die erste durchtanzte Nacht. Unabhängig davon, wie beschissen man sich zu dem Zeitpunkt tatsächlich fühlte – Pubertät, Alkohol/Kater, erste mühselige Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht – in unserer Erinnerung erlebten wir die Zeit unseres Lebens. Egal, was man seither so getrieben hat, diese Momente empfindet jeder als derart weltbewegend grossartig, dass die meisten Nächte seither nur ein blasser Abklatsch, oder schlimmer eine endlose (langweilige) Wiederholung davon sind. Mit vielen, vielen Ausnahmen, selbstverständlich. Aber: You get the point.

Wenn jemand also sagt, „früher war alles besser“, kann das für ihn durchaus stimmen. Aber es ist nie die absolute Wahrheit, es ist nie eine Tatsache. Ich bin nämlich fest überzeugt davon, dass die grosse Masse der Nachtvögel genau JETZT den Buzz des Neuen erlebt. Sie fühlt sich JETZT, als ob sie die Welt umarmen könnte. Sie erlebt JETZT, was andere als „gute alte Zeiten“ bezeichnen. Die Erkenntnis, dass das Nachtleben zu 90% aus Wiederholung besteht, muss hart erfeiert werden. Bei den einen kommt sie schneller, bei anderen langsamer. Und bei einigen gar nie. Und das ist gut so. Ich glaube es ist ganz wichtig, sich ans menschliche Naturell zu erinnern, wenn man wieder mal unzufrieden ist mit dem, was man im Club des Vertrauens erlebt hat. Denn dann sind die „guten alten Zeiten“ genau das: Gut. Aber nicht unendlich viel besser als das JETZT.

pop.culture.lab 005

Soundtrack:

Plastikman – Spastik

Hercules & Love Affair – Blind

Antony and the Johnsons – Epilepsy is Dancing

Disclaimer: Ich bin ein grosser Internet-Evangelist. Manche würden mich auch als fanatisch bezeichnen. Die Partyszene wurde vom Netz komplett auf den Kopf gestellt. Fotoblogs und Partypic-Sites (mit oder ohne angeschlossenes Social Network) haben massive Auswirkungen auf die Entscheidung für oder gegen eine Veranstaltung, auf das Styling, auf das Verhalten an der Party und auf die Nachbearbeitung (sprich: klar machen von Dates mit neuen Bekanntschaften) der nächtlichen Abenteuer. Dieser Aspekt ist das Eine. Weniger offensichtlich ist, welche Auswirkungen das Netz auf die Clubmusik selbst hat.

Wenn ich mir heute ein DJ-Set von stilprägenden Künstlern wie Holy Ghost, Cut/Copy oder Joakim anhöre, dann zeichnen sie sich vor allem durch ihre Unberechenbarkeit aus. Da kann schon mal ein Song von Fleetwood Mac auf einen House-Klassiker folgen, um in einem Disco-Track des grandiosen LCD Soundsystem zu münden. Stilgrenzen, Jahreszahlen, Tempi – alles nur noch da, um wild durcheinander gewürfelt zu werden. Wichtig ist einfach, dass die Auswahl cool und letztendlich stimmig ist. Beliebig ist das nicht.

Durch das Internet ist das gesamte Musikarchiv der Menschheit grundsätzlich nur noch einen Mausklick von der eigenen Festplatte entfernt, man muss sich also musikalisch nicht mehr auf ein zwei Styles beschränken, wie das in den 90ern noch der Fall war. Und das hat fundamentale Auswirkungen auf den Geschmack einer Generation, die musikalische Schranken (Crate-Digging? Was ist das? à Googlen) gar nicht mehr kennt.

DJs mit Tausenden von Tracks auf ihrem Laptop spielen andere Sets, als solche, die den Abend mit einer begrenzten Anzahl von Platten bestreiten müssen. Und ein Publikum, das seine gesamte Musik-Sammlung in der Hosentasche dabei hat, wird auf andere Musik abfahren, als die 90er-Crowd mit ihren Walkmen am Gürtelclip. Ich rede hier von Parties, an denen sich die Leute darum kümmern, was ihnen musikalisch vorgesetzt wird. Denn die traurige Realität ist, dass es einem grossen Teil der Bevölkerung schnurzpiepegal ist, was läuft. Solange es nur schön catchy, freundlich und vielleicht noch ein bisschen sexy ist.

Der grosse Reiz von Techno und all seinen Spielarten liegt in seiner Gleichförmigkeit. Natürlich gibt es auch hier Melodien, Breaks und damit Abwechslung. Das Tempo aber bleibt die ganze Nacht über weitgehend gleich, schockierende Brüche sind die absolute Ausnahme. Elektronische Tanzmusik lebte lange vom seinem Flow und davon, dass sich die Tanzenden diesem hingeben. Erst so erschliesst sich einem die Schönheit von Techno. Beschäftigt man sich mit den Auswirkungen des Internet und des damit eng verknüpften digitalen DJing auf die Clubkultur, dann ist es nicht erstaunlich, dass von Techno und seinen Spielarten heute nur noch selten Impulse ausgehen, die über die Szene-Dancefloors hinaus Gehör finden. Diese Rolle haben längst andere Musiker übernommen. Solche, die mit einer unglaublichen Nonchalance an die letzten 50 Jahre Musikgeschichte herangehen und das gesamte Archiv als riesengrosse Lego-Kiste begreifen, aus der sich immer neues Dancefloor-Spielzeug basteln lässt. Mash-Up ist das Wort der Stunde, wenn es darum geht, frischen Wind auf die Tanzfläche zu zaubern. Ob dieser nun in der multikulturellen Form einer M.I.A. daher kommt oder ob er mit der hochgereckten Faust von Justice den Takt angibt, ist dabei einerlei: Hauptsache, es rockt.