Kommentar-Trouvaille auf dem Medienspiegel

Auch wenn viele Kommentarschlachten auf medienspiegel.ch schnell ins Sinnlose abgleiten, finden sich dort immer wieder wunderbar lesenswerte Perlen. Eine kürzlich abgegebene Meinung zu einem Artikel von Kurt Imhof bringt den Medienzirkus mit all seinen unterschiedlichen Akteuren sehr schön auf den Punkt:

Der “Superexperte” Imhof, wie Sie, Herr Kant, den Soziologen und Publizistikwissenschafter vom Dienst nennen, gehört zum Medienzirkus. Sie würden ganz schön ins Kissen heulen und schnuddern, gäbe es ihn nicht. Das vorweg. Dann: Ich habe schon dümmere Kreationen gelesen, als eben: Empörungsbewirtschaftung. Eingängig: ja. Als Phrase geeignet: von mir aus. Aber, Herr Kant, das war der Kategorische Imperativ auch, wenn Sie mir eine kleine Dümpelei erlauben. Der angemahnte Begriff könnte ja durchaus dazu führen, über die eigene Empörungsbewirtschaftungsbereitschaft zu reflektieren, über die eigene Lust, “traurig und wütend” zu sein und die Gefühle, über die man heute ja zum Glück nicht mehr schweigen muss (Lass es ‘raus, Mann!) in normiertem, mit Fremdwörtern und analytischem Zauber geschmücktem Betroffenheits-Geschwafel mit anderen zu multiplizieren – nicht immer (oder: nie) im Dienste der Klärung und Einordnung, sondern eher als Zusammengehörigkeitsgefühlsbewirtschaftung. Wenn die Medienleute zusammen in die Kissen heulen und schnuddern, weil Herr Imhof wieder einmal komplett daneben war, entsteht auch so ein wunderbarer Moment des Einander-Zunickens über alle Gräben und Besitzverhältnisse. Sitzen wir doch alle im gleichen Boot, gell? Die von der Uni müssen gar nicht meinen. Die Praktiker, das sind wir. Das, was wir verschlafen haben, verludern liessen oder nicht können, wollen wir ganz alleine aufdecken und bewirtschaften, im Fall.//Wo bleibt eigentlich die Käslischachtel-Medaille für den Superexperten?//Sie schreiben weiter, die Journalisten wühlen im Schlamm. Das mag sein. Aber wenn Sie meinen, Journalisten wühlen nur im Schlamm, um “Dinge offenzulegen, die Politiker, Manager und Prominente gerne zugedeckt hielten”, ist das nur die eine Seite der Käslischachtelmedaille, Herr Kant. Journalisten wühlen zuweilen im Schlamm und werfen Dreck und wirbeln Staub auf, weil sie Empörung generieren, bewirtschaften und die reale Situation massiv verschlimmern, sie auf die Streckbank legen, aufbauschen, allenfalls verzerren oder anreichern, einen “Skandal” künstlich am Leben erhalten, um im Gespräch zu bleiben, aufzufallen, sich anzubiedern, zu profilieren, gelesen zu werden.//Und: Läubli ist jenseits.

via Empörungsbewirtschaftung und Stimmungsdemokratie am Beispiel der «Blocher-Hildebrand-Affäre» | Medienspiegel.ch.

The Growth of the Internet and the Happy Recession

Most popular web-based businesses are deflationary. They substitute expensive forms of content consumption for cheap ones, they make it logistically easier to deliver discounts to people who will respond to them, and they create numerous financially cheap forms of social status. As more activity moves on to the web, the main effect on the economy will be broadly lower prices and less need for employment.

via The Growth of the Internet and the Happy Recession.

ScHoolboy Q

 

… the only thing I can say for certain is that, while listening to it, I feel pulled completely into someone else’s center of gravity, which is maybe the most gratifying listener’s sensation there is. (Pitchfork)

The Weasel, Twelve Monkeys And The Shrub

David Foster Wallace war im Jahr 2000 mit John McCains Wahlkampftross unterwegs und hat das Erlebte in einer epischen Reportage für den Rolling Stone festgehalten. Wenn sich jetzt Ron Paul, Mitt Romney und co. durch die US of A kämpfen, dürfte es hinter den Kulissen ähnlich absurd zu und her gehen. Ein Jammer, dass der Autor nicht mehr unter uns weilt, um die aktuellen Geschehnisse mit seinen brutal wahren Worten zu begleiten.

Auszug 1:

It’s hard to get good answers to why Young Voters are so uninterested in politics. This is probably because it’s next to impossible to get someone to think hard about why he’s not interested in something. The boredom itself preempts inquiry; the fact of the feeling’s enough. Surely one reason, though, is that politics is not cool. Or say rather that cool, interesting, alive people do not seem to be the ones who are drawn to the political process. Think back to the sort of kids in high school who were into running for student office: dweeby, overgroomed, obsequious to authority, ambitious in a sad way. Eager to play the Game. The kind of kids other kids would want to beat up if it didn’t seem so pointless and dull. And now consider some of 2000’s adult versions of these very same kids: Al Gore, best described by CNN sound tech Mark A. as “amazingly lifelike”; Steve Forbes, with his wet forehead and loony giggle; G. W. Bush’s patrician smirk and mangled cant; even Clinton himself, with his big red fake-friendly face and “I feel your pain.” Men who aren’t enough like human beings even to hate—what one feels when they loom into view is just an overwhelming lack of interest, the sort of deep disengagement that is often a defense against pain. Against sadness. In fact, the likeliest reason why so many of us care so little about politics is that modern politicians make us sad, hurt us deep down in ways that are hard even to name, much less talk about. It’s way easier to roll your eyes and not give a shit. You probably don’t want to hear about all this, even.

Auszug 2:

Because we’ve been lied to and lied to, and it hurts to be lied to. It’s ultimately just about that complicated: it hurts. We learn this at like age four—it’s grownups’ first explanation to us of why it’s bad to lie (“How would you like it if … ?”). And we keep learning for years, from hard experience, that getting lied to sucks—that it diminishes you, denies you respect for yourself, for the liar, for the world. Especially if the lies are chronic, systemic, if experience seems to teach that everything you’re supposed to believe in’s really just a game based on lies. Young Voters have been taught well and thoroughly. You may not personally remember Vietnam or Watergate, but it’s a good bet you remember “No new taxes” and “Out of the loop” and “No direct knowledge of any impropriety at this time” and “Did not inhale” and “Did not have sex with that Ms. Lewinsky” and etc. etc. It’s painful to believe that the would-be “public servants” you’re forced to choose between are all phonies whose only real concern is their own care and feeding and who will lie so outrageously and with such a straight face that you know they’ve just got to believe you’re an idiot.

 

Der ganze Text: The Weasel, Twelve Monkeys And The Shrub.

The bianca Story und das entscheidende Quantum Glück

Sprachlos. Hinterliessen mich The bianca Story am Samstag, nachdem sie ihr neues Album in der Wohngallerie SALTS mit einem nahezu perfekten Konzert getauft hatten. Ich hatte viel erwartet, Kollege Joliat hatte mir ein paar Tage zuvor das Werk vorgespielt, Videos gezeigt. Aber nach diesem Gig ist klar, was David Bauer schon am Sonntag schrieb: Die Diskussionen um diese Band sind beendet. Das sage ich als einer, der The bianca Story schon ziemlich lange journalistisch begleitet … und das nicht immer nur voller Begeisterung:

2009 wurde ich zu den Proben der Elektro-Oper “Chris Crocker” eingeladen, um auf die Premiere hin einen Artikel zu schreiben. Nach dem Durchlauf stand ich mit Elia und Carena Schlewitt draussen vor der Kasernentüre und musste mich erklären/verteidigen:

- “Ja, das Stück war durchaus… äh.. interessant. Ja, für ein Theaterpublikum sicher auch toll anzusehen. Aber nein, eher nicht Stoff für das Massenpublikum meiner Publikationsplattform 20 Minuten, tut mir leid. “
- “Aber hey, auch die grosse Masse soll doch auf spannendes Theaterschaffen aufmerksam werden. Aber hey, das ist doch Popkultur, das passt zu euch. Aber hey, die Beteiligten haben sich grosse Mühe gegeben.”
- “Das ist unbestritten. Trotzdem: Ich finde nicht, dass 20 Minuten das richtige Gefäss für sowas ist. No offense. Ich geh dann mal.”

Seither war ich Beobachter aus der Ferne geblieben, hatte The bianca Story auf Konzerten gefeiert, ansonsten mehr oder weniger ignoriert. Und jetzt das: Ein – man kann es nicht anders sagen – monumentales Werk, dieses “Coming Home”. Selten wurde der ganz grosse Pop-Gestus derart perfekt mit künstlerischem Anspruch vereint. Eine Band die nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch mit Leidenschaft auf der Bühne steht. Mit einer organisatorischen Infrastruktur im Rücken, wie sie im deutschsprachigen Raum kaum besser sein könnte (Irascible, Tim Renner, Motor Music).

Diese Band macht zur Zeit alles richtig. Was jetzt noch fehlt, ist das entscheidende Quantum Glück. Ich wünsche der Truppe von ganzem Herzen, dass es ihnen zufliegt.