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#S21, Gladwell, Revolutionen und Social Media

Vor einigen Tagen veröffentlichte Erfolgsbuchautor Malcolm Gladwell (“Blink”, “Tipping Point”) einen Artikel, in dem er die Euphorie um das revolutionäre (im gesellschaftlichen Sinn) Potential von Social Media grundsätzlich in Frage stellt. Eine durchaus spannende Lektüre mit Standpunkten, die sicherlich bedenkenswert sind. Ob man sie nun teilt oder nicht, ist dann eine ganz andere Frage. Wie erwartet folgte die Replik der Netzgemeinschaft auf dem Fuss. Gladwell verkenne die Bedeutung von “weak ties” oder er argumentiere anachronistisch, hiess es da. Eigentlich schien mir damit alles gesagt zum Thema Gladwell. Bis gestern.

Ich habe die Kontroverse um den geplanten Neubau des Stuttgarter Bahnhofs lange Zeit nur am Rande mitverfolgt. Ein paar Fanatiker, die sich über die üblichen Mauscheleien der Staatsobrigkeit echauffieren: Das war das Bild, das sich aufgrund unterschiedlichster, primär massenmedialer Soundbytes in meinem Kopf geformt hatte. So weit, so normal. Heute, am Tag nach der gewaltsamen Eskalation der Lage, zeichnen viele Massenmedien ein deutlich dramatischeres Bild der Geschehnisse und ich würde behaupten, dass Social Media und hier insbesondere Twitter (via #S21) und Blogs (zum Beispiel hier) mitverantwortlich dafür sind, dass die Proteste in Stuttgart ihre abstrakte Ebene verliessen und zu einer menschlichen Geschichte wurden. Die schwer greifbare Masse von “Demonstranten” hat in der heutigen Kommunikationswelt eine Stimme, und diese war (und ist) gefüllt mit Wut, Trauer, Empörung. Hysterie und übertriebener Pathos waren natürlich auch dabei, die ganze Bandbreite halt.

Ich bin überzeugt davon, dass diese in Echtzeit verbreiteten Statusmeldungen (ganz zu Schweigen von den zahlreichen Livestreams, Videoclips, Handy-Fotos) einen starken Effekt auf die öffentliche Berichterstattung hatten. So war es zumindest bei uns auf der Redaktion (20 Minuten Online). Eine nüchterne Agenturmeldung (und wer wie die meisten CH-Medien keinen Stuttgart-Korrespondenten hat, ist für seine Berichterstattung auf solche Quellen angewiesen) hätte das Ausmass der Empörung über die Vorfälle niemals so verdeutlichen können, wie eine Twitter-Suche nach dem Hashtag #S21 gestern Nachmittag. Was dort in atemberaubendem Tempo an Status-Updates durchraste zeichnete ein wirklich dramatisches Bild der Lage und das fliesst beim Autor eines Artikels zum Thema garantiert mit ein, wenn er seine Zeilen tippt.

Und so würde ich behaupten, dass Social Media sehr wohl die Kraft hat, gesellschaftliche Änderungen herbei zu führen. Zum einen direkt, indem sich die Menschen untereinander austauschen, von ihren Erlebnissen erzählen. Zum anderen aber auch indirekt, indem die Berichterstattung in den Massenmedien vom Zugang zu einer explosiv gröseren Zahl von emotional stark aufgeladenen Augenzeugenberichten beeinflusst wird.

Ob das im Fall #S21 zu echten Konsequenzen führt, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen. Das Potential aber, das ist vorhanden.

Und damit hab ich jetzt doch noch meine 2 Cents zu Gladwells Anti-Social-Media-Thesen abgegeben.

 

Update: Auf Carta ist zu sehen, wie das Thema gestern auf Twitter regelrecht explodiert ist.

 

2 comments

  1. Bobby California - October 1, 2010 19:16

    «Ein paar Fanatiker»… «abstrakte Ebene»… «Hysterie und übertriebener Pathos»: Von was reden Sie? Wenn Sie solche Worte verwenden, zeigt das, dass Sie keine grosse Ahnung haben, um was es beim Projekt Stuttgart 21 überhaupt geht. Es ist einfach ein schlechtes Projekt in vieler Hinsicht, man muss nicht «Fanatiker» sein, um dagegen zu sein. Wer die Berichterstattung in deutschen Printmedien auch nur flüchtig mitverfolgt hat, kommt niemals auf die Idee, die breite Protestbewegung als «ein paar Fanatiker» abzutun. Die ganze Geschichte um Stuttgart 21 wurde in Medien wie dem Spiegel, Stern und in der deutschen Tagespresse seit Monaten, ja seit Jahren sehr umfangreich abgehandelt. Wer die professionelle Berichterstattung mitverfolgt hat, braucht sicher nicht Twitter, um sich ein Bild davon zu machen, um was es dabei geht.«Wer, wie die meisten CH-Medien keinen Stuttgart-Korrespondenten hat, ist für seine Berichterstattung auf solche Quellen angewiesen»: Wellewäg. Der Tages-Anzeiger hat zB einen Deutschland-Korrespondenten, der bei Bedarf auch nach Stuttgart reist. Es ist aber klar, dass 20Min hier ein bisschen schwach auf der Brust ist, gell. Aber ich vermute jetzt einfach mal, dass es auch für 20Min-Redaktoren erlaubt ist, Medien wie den Spiegel zu lesen. Dann wären sie nicht bass erstaunt, wenn plötzlich eine Agenturmeldung über Polizeigewalt reinkommt.«Und so würde ich behaupten, dass Social Media sehr wohl die Kraft hat, gesellschaftliche Änderungen herbei zu führen»: Das ist eine reine Behauptung, die einen schwachen Bezug zur Realität hat. Tatsache ist: Die Leute in Stuttgart sind dank der professionellen, bezahlten Printpresse schon längst sehr gut informiert. Sie brauchen nicht Twitter, um sich zu informieren über Stuttgart 21.

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  2. Thom Nagy - October 1, 2010 22:51

    ok

    Reply

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