6 Gründe, weshalb Kurt Imhof mit seinen Aussagen zur Qualität in den Medien falsch liegt

Am Freitag sorgte eine Studie des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich für Aufruhr in der Redaktion, die meine Brötchen zahlt. Die Erkenntnisse zur Qualität der Schweizer Medienlandschaft von Professor Imhof sind nämlich derart ernüchternd, dass sich selbst die Tagesschau veranlasst sah, einen Bericht dazu zu bringen (wohl nicht zuletzt, weil sie über den grünen Klee gelobt wird). Und interviewte deshalb Hansi Voigt, den Chefredakteur von 20 Minuten Online. Obwohl dieser im Beitrag nur ein paar Sekunden zu Wort kommt, wird klar, dass er mit Professor Imhofs Erkenntnissen gar nicht einverstanden ist. Diese Meinung teile ich. Was genau steht nun in der Studie? Um Fehler zu vermeiden, lassen wir das “Qualitätsmedium” NZZ zusammenfassen:

  • In allen Mediengattungen wächst das Angebot an Klatsch bzw. an sogenannten Softnews, welche die klassischen publizistischen Kernthemen Politik, Wirtschaft und Kultur zurückdrängen.
  • Die Nachhaltigkeit der Berichterstattung lässt nach. Episodische, auf Personen, Konflikte und Katastrophen zugespitzte Informationen nehmen zu.
  • Obwohl die Welt zusammenwächst, schotten sich die Medien ab, indem sie die Auslandberichterstattung stark abbauten. «Die grossartige Tradition der schweizerischen Auslandberichterstattung bricht ein», notiert das Jahrbuch.
  • Die Wirtschaftsinformation bleibt mangelhaft.
  • Der Erfolg der Gratiszeitungen und die Gratisangebote im Internet senkten unter den Konsumenten das Bewusstsein dafür, dass Informationsqualität etwas kostet.
  • Der Einbruch bei den Werbeeinnahmen erschwert die Finanzierung der redaktionellen Leistungen.
  • Die Bedeutung derjenigen Medientitel, die wenig zur Informationsqualität beitragen, wird weiter wachsen.
  • Der recherchierende, einordnende Journalismus gerät weiter unter Druck.
  • Auch die Presse orientiert sich vermehrt an den Unterhaltungsbedürfnissen der Medienkonsumenten «statt an Informationsbedürfnissen der Staatsbürger».

Das alles führe nach Ansicht der Forschergruppe dazu, dass nichts weniger als die Schweizerische Demokratie höchstselbst in Gefahr sei. Ich möchte überhaupt nicht ausschliessen, dass an diesem Sachverhalt etwas dran ist. Aber die Schuld den Gratiszeitungen und kostenlosen Online-Angeboten in die Schuhe zu schieben, halte ich für Nonsense. Und zwar weil

  • nicht die Gratiszeitungen verantwortlich dafür sind, “das Bewusstsein dafür, dass Informationsqualität etwas kostet” zu senken, sondern das Internet an sich. Hier werden zwei Dinge in einen Topf geworfen, die insofern miteinander zu tun haben, als dass das eine (Gratiszeitungen) ein Übergangsphänomen zum anderen (Netzmedien) ist.
     
  • gewisse Aussagen der Studie schlichtweg falsch sind. Zum Beispiel diese: “Hintergrundinformationen sind im Onlinesegment Mangelware, und der Aktualitätsdruck in Form des 24/7-Journalismus prägt die journalistischen Produktionsroutinen so stark, dass längerfristige politische und wirtschaftliche Zusammenhänge kaum reflektiert werden.” Das ist langweiliges Wiederkäuen alter Klischees. Oder welcher Printtitel gibt mir in der Zeitung ähnlich umfassende Hintergrundinfos zu einem bestimmten Thema, wie zum Beispiel ein solches Dossier? Ganz zu schweigen von Google.

  • die Sparte (gedruckte) Qualitätsmedien sich vor allem darin hervortut, fürs Gelesenwerden Geld zu verlangen. Das schliesst aber eine breite Leserschicht aus. Nämlich all diejenigen, für die das gedruckte Wort ohnehin keinen monetären Wert hat. Der beklagte Niedergang der Demokratie ist so gesehen ein Niedergang des Demokratie-Monopols der (Informations-)Eliten.

  • Online-Medien schonungslos aufzeigen, was die Masse interessiert und ihr Angebot aus wirtschaftlichen Zwängen danach ausrichten. Das ist oft nicht schön. Aber ein Fact of Life, der sich nicht ändern lässt, indem man Softnews mit hehren Absichten links liegen lässt. Denn so wird man einfach irrelevant. Die Kunst besteht darin, das eine mit dem anderen sinnvoll zu verknüpfen.

  • eine umfassende und vor allem nachhaltige Berichterstattung zu “wichtigen” staatspolitischen Themen beim Tagi oder bei der BaZ genauso wenig festzustellen ist, wie bei 20min.ch oder blick.ch. Die Print-Ausgabe der NZZ lese ich nicht regelmässig, weshalb ich dazu keine fundierte Aussage machen kann. Aber sicher ist: Mit der Gesamtheit der Angebote im Netz zu einem gegebenen Thema kann auch sie nicht mithalten.

  • wir damit beim Kern meiner Argumentation wären: Im Netz muss nicht jedes Medium alles abdecken. Der oft zitierte Jarvis-Satz “do what you do best, link to the rest” macht in einer Kommunikationswelt mit völlig neuen Regeln eben schon Sinn. Die abgeschlossene Betrachtung einzelner Websites hingegen immer weniger. Es geht um den Informationsgehalt des Gesamtsystems Internet, aus dem man sich je nach Wissensdurst, Geschmack und intellektuellem Anspruch sein Informationsbouquet selbst zusammen stellen kann.

Es gibt sehr viele andere, vielleicht auch bessere Gründe, die Aussagen Professor Imhofs anzuzweifeln. Ich bin zuversichtlich, dass sie alle gefunden werden. Und zwar im von ihm verteufelten, frei zugänglichen Internet. Im Dialog zwischen Medien, Bloggern, Kommentatoren und Twitterern. Dass bei diesem Prozess auch eine Menge Blödsinn produziert wird, versteht sich von selbst. Aber so ist der demokratische Prozess nun einmal – eine Wiederspiegelung der Gesellschaft mit all ihren Dummheiten, unterschiedlichen Ideen und Wahrnehmungen. Es wird allerhöchste Zeit, dass das von den wissenschaftlichen Eliten auch bemerkt – und geschätzt – wird. Bevor sich der (medienwissenschaftliche) Universitäts-Betrieb gänzlich von der Realität verabschiedet.

 

Update: Kollega Wampfler hat in seinem Blog eine Replik verfasst.

Update 2: Herr Imhof hat beim Medienspiegel seine Sicht der Dinge als Diskussionsbeitrag publiziert. Vor allem auch die Kommentare sind lesenswert.

21 thoughts on “6 Gründe, weshalb Kurt Imhof mit seinen Aussagen zur Qualität in den Medien falsch liegt

  1. Lieber Thom, hier ein leicht provokativer Gegen-Rant, den ich grad am Stück reingehackt hab und jetzt mal die “comment”-Taste drücken werde:Punkt 1: Jein. Was das Lesen von Zeitungen in der Öffentlichkeit angeht, denke ich schon, dass die Informationsverkürzung und Boulevardisierung der Information durch 20minuten Print in der Schweiz auch einen grossen Beitrag leistet, das Kostenbewusstsein zum Verschwinden zu bringen. Die gedruckte Zeitung als Medium ist ja, das sieht man jeden Tag, alles andere als tot. In der Form.Punkt 2: Die Ölpest ist doch nur darum ein Dossier, weil sie klickt (aktuelles Modethema). Ändert aber an der Gesamtgewichtsverschiebung, die die Studie (zu Recht, und im Kern) feststellt, nichts. Und doch: So richtig gut gemachter, sorgfältiger Journalismus ist im Netz leider Mangelware. Es gibt ihn zwar. Aber wer ehrlich ist, muss doch zugeben: Nur weil da ein “Journalist” für einen Bericht vielleicht gar noch einmal zum Telefonhörer greift, kann man noch nicht von “sorgfältig” reden (oder von Journalismus überhaupt). Ich verstehe auch “ganz zu schweigen von Google” nicht: Klar findest du da alles. Aber es dürfte Dir ja auch bekannt sein, dass über 95 der News, die weltweit hin- und her-zitiert und gecopypastet werden, ursprünglich noch immer von Bezahlpapers stammen, die irgendwo ihre Journalisten haben…Punkt 3: Das klingt jetzt stark nach dem üblichen Medienblogger-Blabla, und du bist doch gar keiner von denen. Wer ist denn die neue (Informations-)Elite? “Wir alle”? Sicher nicht… Wer sind genau “all diejenigen, für die das gedruckte Wort keinen Wert hat”? Und jetzt werden die Armen sogar noch ausgeschlossen? Schrecklich. Im Ernst: Sie waren das schon immer, die, die das Wort verachten. Und ja, es ist nicht ohne Schrecken, dass das Wort immer bedeutungsloser wird. Auch im Sinne von: Nicht ohne Schrecken, zuzusehen, was sich alles “Zeitung”, “Journalist” und “Information” nennt. Als NZZ- und ZEIT-Abonnent weiss man nämlich, was man hat. Leider, müsste man beinahe anfügen; dem Niedergang dessen zuzuschauen, was Welten besser ist, als was täglich gratis geliefert wird – in Zeitungs- und im Internetform – tut weh. Das mag elitär klingen. Ist es nicht mal: Es ist einzig die Forderung, dass Intelligentes, Kulturelles, politisch und wirtschaftlich Wichtiges weiterhin volle Pulle auf höchstem Niveau journalistisch begleitet wird. Weil das wichtig ist, da bin ich ganz sicher.Punkt 4: Ich kenne die Zahlen, ich kenne den Live Monitor, aber bevor wir uns erschiessen schauen wir noch “Glanz & Gloria” und dann “SF bi de Lüt” … (imho machen die öff.-rechtl. Sender, die ich ja dafür bezahle, NICHT bei dem kranken Quotenspiel, das alles kaputt macht, mitzumachen, ihren Job ganz und gar nicht. Ich spreche von SF und DRS3. Ach ja, und apropos Live-Monitor: Wer “SVP” in den Titel schreibt, hat bekanntlich locker 4 Mal so viel Klicks wie jede andere Partei… und jetzt sag mir: Sorgt das für eine ausgewogene, unabhängige Polit-Berichterstattung? I fear not. Und ich rede selbstverständlich nicht nur von Deinem Arbeitgeber.)Punkt 5: Also du solltest Dir mal die NZZ gönnen. So paar Monate lang. Sie braucht bisschen Eindehnungszeit. Du wirst dann, das ist gut möglich, sowohl Tagi als auch BaZ gar nicht vermissen.Punkt 6: Da hast du natürlich Recht. Aber die Studie ist ja in den Dingen, die sie feststellt, schon spannend, das muss man ihr einfach lassen. Imhof darfst du, ob er nun eine Ahnung vom Internet hat oder nicht, aber sicher korrektes Arbeiten attestieren, denk ich mal. Ich selbst bin alles andere als ein Internet-Gegner, as you know. Aber die thematischen Verschiebung auf praktisch allen Portalen, und den Medien allgemein, die sollte schon zu denken geben. Das läuft potentiell schon auf eine Verdummung der Medienkonsumenten raus. Gerade die “episodische(n), auf Personen, Konflikte und Katastrophen zugespitzte(n) Informationen” mögen zwar durchaus auch ihre Daseinsberechtigung haben – aber wenn diese Form von Boulevard mittlerweile Standard ist, hilft das der Demokratie natürlich nicht, weil solche Information kaum erklärt. Und das wäre ein “Fact of life” der sich durchaus ändern liesse. Noch werden Nachrichten, last I checked, von Verlagshäusern gemacht, und nicht von Wirtschaft und Werbern. Obwohl man sich manchmal fragt, ob das noch lange so bleibt.

  2. Meine Wenigkeit wollte nur noch kurz einwerfen: Die NZZ ist meiner bescheidenen Meinung nach die meistüberschätzte Zeitung im Lande. Die alte Tante hat ihre Qualitäten, ohne Frage. Aber soooo über jeden Zweifel erhaben ist sie nicht. Auch sie hat ihre blinden Flecken. Gerade sie pflegt auch ihre ideologischen Sturheiten. Zwei winzige, unrepräsentative Anekdoten:Die Berichterstattung zum Start des neuen Zentrums für Humantoxikologie vor einem Jahr. Mein Kommentar damals:http://io1.blogspot.com/2009/05/wie-unabhangig-ist-das-neue-schweizer.htmlUnd dieser moralinsaure, unsaubere Mix aus Bericht und Kommentar zur Kritik von “Marianne” an Sarkozy:http://www.nzz.ch/nachrichten/international/marianne_auf_abwegen_1.7193034.htmlNur weil sie seriöser aussieht, ist sie deswegen nicht automatisch vollständiger, ausgewogener, objektiver oder aufklärerischer. Wie kommt eigentlich die NZZ bei Imhof weg? Und warum? Mal nachschauen.

  3. Gehe – wie man in meinem Blog nachlesen kann – weit gehend mit @broennimann einig… http://philippe-wampfler.com/2010/08/15/die-journalisten-schlagen-zuruck-imho…

  4. Yeah Gabriel, so mag ichs! Rant und ab – meine Antwort ist auch nicht sehr anders entstanden. Lass mich zurückranten (mit einmal drüber lesen):Punkt 1:Natürlich leistet 20 Minuten Print einen massiven Beitrag zu dieser Einstellung. Aber trotzdem ist dieses Produkt nur ein Zwischenschritt. Zum Internet, in dem Information grundsätzlich frei ist. In Deutschland zum Beispiel gab es nie eine nennenswerte Gratispresse und trotzdem könnte man die Befunde der Studie wahrscheinlich zu einem grossen Teil auf die dortige Situation übertragen.Punkt 2:Die Ölpest ist ein Dossier, weil es ein grosses Thema ist, das sich über einen längeren Zeitraum erstreckt und zu dem immer neue Aspekte hinzu kommen. Genau so wie der Atomstreit mit dem Iran, die Korea-Krise oder die Loveparade. Klickpotential bei diesen Geschichten: Extrem unterschiedlich. Dein eigentlicher Punkt war aber, dass gut gemachter Journalismus im Netz Mangelware ist. Und das halte ich einfach für eine Legende. Klar beziehen sich Blogger grösstenteils auf die Berichte traditioneller Medien. Diese wiederum beziehen sich ihrerseits stärker auch auf Blogs oder sogar Twitter als Primärquelle. Von dem her ist diese Beziehung nicht ganz so schwarzweiss zu sehen.Punkt 3:Da hab ich meinen Punkt wohl nicht so klar rüber gebracht: Ich rede vom Niedergang der Informationseliten als neues Phänomen. Grundsätzlich kann sich heutzutage nämlich nicht mehr nur der intellektuell und finanziell distinguierte NZZ-Abonnent umfassend über die Weltlage informieren, sondern jedermann mit Zugang zum Netz. Ob die grosse Masse diese Möglichkeiten nutzt ist dann ein ganz anderes Thema. Die neue Kommunikationsrealität ist meiner Meinung nach sehr viel demokratischer, als diejenige, in der wenige, dadurch zwangsläufig auch elitäre Redaktionen ihr Monopol auf Öffentlichkeit versilberten. Dass diese Realität auch ihre hässlichen Seiten hat ist unbestritten, geht halt aber nun einmal mit dieser Demokratisierung einher.Punkt 4:Hier bin ich mir nicht ganz sicher, was du meinst. Dass das Angebot die Nachfrage bestimmt? Ich glaube gerade im Netz mit seiner Markttransparenz gilt das Umgekehrte mehr denn je.Punkt 5:Ich vermisse schon jetzt weder Tagi noch BaZ und denke, dass ich auch ohne NZZ (Print) relativ gut informiert bin über den Lauf der Dinge. Und genau das ist mein Punkt: Selbst als NZZ-Leser sieht man die Welt durch die zwangsläufig beschränkte Perspektive ihrer Redaktion. Das Netz ermöglicht uns aber eine schier unendliche Anzahl von Perspektiven/Meinungen. Ich ziehe Vielfalt immer vor.Punkt 6:Merci.Allgemein:Ich finde die Studie ja auch spannend. Nur schon, weil sie diese Diskussion angestossen hat. Und klar arbeitet Imhof sauber und gewissenhaft. Vom Internet hat der Mann selbstversändlich auch eine Ahnung, ich finde ihn ja grundsätzlich brillant. Aber ich lese aus den Studienergebnissen eine tendentiell normative, in gut (bezahlte Qualitätstitel) und böse (Gratis- und Online-Medien) unterteilte Geisteshaltung. Mit klaren Schuldzuweisungen. Und das greift mir als Erklärungsmuster für die Verschiebungen, die aktuell in der Gesellschaftskommunikation ablaufen, einfach zu kurz.Item – genau das find ich doch so wunderbar und unendlich viel fruchtbarer als Print: Wir können uns über die gemachten Aussagen unterhalten, sie korrigieren und nach Input anderer Sichtweisen weiterbringen.

  5. @Herr Wampfler: Ich hoffe, ich kann ihnen morgen eine umfassendere Antwort geben. Jetzt nur soviel: Es geht mir hier nicht in erster Linie darum, meinen Arbeitgeber zu verteidigen. Sondern einen Beitrag zu einer grösseren Diskussion um den Wandel öffentlicher Kommunikation zu liefern. Find ich halt ein spannendes Thema. Aber wenn ich das tue (also das Verteidigen), ist das natürlich ein positiver Nebeneffekt.

  6. witzig: du (#thom) outest dich selbst als “subtraktionisten” (dein vierter punkt! | http://blog.rebell.tv/p13082.html) und verteidigst “das netz”… da bete ich weiterhin mit bert brecht: “das internet ist aus einem distributionsapparat in einen kommunikationsapparat zu verwandeln”… was imhof tut, heisst zwar auch bei mir #AIBS (Acquired Internet Bashing Syndrom), aber es wäre wohl doch interessant, noch etwas tiefer auf seine feedbacks einzugehen: das gespräch mit @wampfler finde ich toll. vielleicht gemeinsam in einem podcast am 16.09 im http://cabaretvoltaire.ch 15h? 😉

  7. witzig: du (#thom) outest dich selbst als “subtraktionisten” (dein vierter punkt! | http://blog.rebell.tv/p13082.html) und verteidigst “das netz”… da bete ich weiterhin mit bert brecht: “das internet ist aus einem distributionsapparat in einen kommunikationsapparat zu verwandeln”… was imhof tut, heisst zwar auch bei mir #AIBS (Acquired Internet Bashing Syndrom), aber es wäre wohl doch interessant, noch etwas tiefer auf seine feedbacks einzugehen: das gespräch mit @wampfler finde ich toll. vielleicht gemeinsam in einem podcast am 16.09 im http://cabaretvoltaire.ch 15h? 😉

  8. “Um Fehler zu vermeiden, lassen wir das “Qualitätsmedium” NZZ zusammenfassen”Die Tatsache, dass du nicht selber guckst, was denn Imhof geschrieben hat (man kann die Studie hier bestellen: http://www.qualitaet-der-medien.ch, Einleitung und wichtigste Befunde kann man direkt einsehen), und dann ausgerechnet die Zusammenfassung der NZZ zitierst, könnte man als Hinweise auf die Arbeitsweise der Angestellten deines Brötchengebers werten sowie als Indiz dafür, dass du davon ausgehst, dass die Journis bei der NZZ eine Studie tatsächlich lesen, bevor sie darüber schreiben…

  9. @wahrscheinlich: Die Tatsache, dass du bei deiner Aussage den ersten Link in meinem Text ignorierst, könnte man als Hinweis auf eine vorgefertigte Meinung werten. Auf meine Argumente gehst du hier nämlich mit keinem Wort ein. Und die Tatsache, dass dir die zugegebenermassen feine Ironie meiner Formulierung entgeht könnte man als Mangel an Humor werten.

  10. Es ist zu befürchten, dass Thom Nagy tatsächlich glaubt, was er geschrieben hat. Das macht es nicht besser. Denn allzuviel von dem, was Thom schreibt, stimmt offensichtlich nicht mit der Realität überein:«Nicht die Gratiszeitungen sind dafür verantwortlich… sondern das Internet»: Unsinn. Beide sind schuld am Niedergang der Qualitätszeitungen. Nur kommt bei den Gratiszeitungen das Problem hinzu, dass sie von den gleichen Verlagen herausgegeben werden, die auch Bezahlzeitungen anbieten. Aus reiner Profitgier tragen also Verlage dazu bei, dass ihre Flaggschiffe ruiniert werden. Das ist besonders traurig.«Gewisse Aussagen der Studie sind schlichtweg falsch»: So, so. Mit dem Verweis auf das Öldossier können Sie die Studie nicht entkräften. Wie oft bringt denn 20 Minuten so ein Dossier? Es ist einfach zu offensichtlich, und es ist klein Klischee sondern eine Tatsache, dass die Bezahlzeitungen viel gehaltvollere Informationen enthalten als die Gratispresse. Diesen Befund mit dem Hinweis auf ein Dossier zu kontern, mutet wie ein ziemlich billiger, hilf- und aussichtsloser Versuch der Ehrenrettung Ihres Arbeitgebers an.«Der beklagte Niedergang der Demokratie ist ein Niedergang des Demokratie-Monopols der Eliten»: Was für ein Quatsch. Heute kann sich jeder Proletarier eine Tageszeitung leisten, nicht nur Professoren.«Online-Medien zeigen schonungslos auf, was die Masse interessiert» Na Bravo, das ist ja eine grossartige Leistung. Mir gefällt vor allem das Wort «schonungslos». Auf Deutsch heisst das: Die Leute wollen Schrott, also geben wir ihnen Schrott. Zynischer gehts nicht.«Eine umfassende Berichterstattung zu “wichtigen” staatspolitischen Themen ist beim Tagi genauso wenig festzustellen wie bei 20min.ch»: Das ist eine leere Behauptung. Wenn Sie wirklich glauben, dass die Berichterstattung von 20min genau so fundiert ist wie diejenige des Tagi, dann kann ich nur sagen: I feel sorry for you. Vergleichen Sie beide Angebote, und Sie sehen die Unterschiede. Falls Sie nicht total blind sind.«Internet, aus dem man sich je nach Wissensdurst, Geschmack und intellektuellem Anspruch sein Informationsbouquet selbst zusammen stellen kann»: Hyper-Quatsch. Das Internet ist eine gigantische Gerüchteküche, bei der niemand Gerüchte von Fakten sauber trennen kann. Dieses «Bouquet» ist unterhaltsam, aber ersetzt keine seriöse Zeitung.«Die neue Kommunikationsrealität ist meiner Meinung nach sehr viel demokratischer»: Das ist reines Wunschdenken. Sofern im Internet seriöse Informationen zu finden sind, stammen sie von Medienhäusern, die mit ihrem Gratis-Online-Angebot ihre Bezahlangebote kannibalisieren. Das wiederum hat, wie Imhof zeigt, zur Folge, dass die Bürger zuwenig gut informiert sind. Was wiederum sehr schädlich ist für die Demokratie.«Als NZZ-Leser sieht man die Welt durch die zwangsläufig beschränkte Perspektive ihrer Redaktion. Das Netz ermöglicht uns aber eine schier unendliche Anzahl von Perspektiven/Meinungen»: Mit Verlaubt, das ist Hyper-Giga-Bullshit. Bei manchen Internetquellen sieht man nicht einmal, wer den Text geschrieben oder finanziert hat. Die Folge: Der Leser läuft Gefahr, PR-Texte oder Gerüchte für bare Münze zu nehmen. Das Internet kann deshalb niemals hochwertigen Journalismus ersetzen.

  11. Offensichtlicht haben gewisse Kommentatoren Mühe mit Veränderung. Anders kann ich mir oben stehende (Über-)Reaktionen auf die Kritik an Imhofs Aussagen nicht erklären.Ganz grundsätzlich empfehle ich in diesem Zusammenhang – falls noch nicht geschehen – die Lektüre eines vielbeachteten Textes von Clay Shirky, einem amerikanischen Journalismus-Professor. Ein paar Zitate:”With the old economics destroyed, organizational forms perfected for industrial production have to be replaced with structures optimized for digital data. It makes increasingly less sense even to talk about a publishing industry, because the core problem publishing solves — the incredible difficulty, complexity, and expense of making something available to the public — has stopped being a problem.”oder”Print media does much of society’s heavy journalistic lifting, from flooding the zone — covering every angle of a huge story — to the daily grind of attending the City Council meeting, just in case. This coverage creates benefits even for people who aren’t newspaper readers, because the work of print journalists is used by everyone from politicians to district attorneys to talk radio hosts to bloggers. The newspaper people often note that newspapers benefit society as a whole. This is true, but irrelevant to the problem at hand; “You’re gonna miss us when we’re gone!” has never been much of a business model. So who covers all that news if some significant fraction of the currently employed newspaper people lose their jobs?”oder”Society doesn’t need newspapers. What we need is journalism. For a century, the imperatives to strengthen journalism and to strengthen newspapers have been so tightly wound as to be indistinguishable. That’s been a fine accident to have, but when that accident stops, as it is stopping before our eyes, we’re going to need lots of other ways to strengthen journalism instead.”Den ganzen Text gibt es hier, gratis und franko: http://www.shirky.com/weblog/2009/03/newspapers-and-thinking-the-unthinkable/Zusammengefasst: Vor unseren Augen spielt sich eine Revolution ab, ihre Folgen sind nicht absehbar, deshalb sind neue Modelle gefragt, anstatt Altes um jeden Preis bewahren zu wollen. Wenn man aber sagt, dass die traditionelle, gute, alte Qualitätspresse von frei verfügbaren, „schlechten“ Informationsangeboten (noch einmal: meiner Meinung nach sind gedruckte Gratiszeitungen ein Übergangsphänomen) bedroht wird und damit die Demokratie an sich in Gefahr ist, dann ist das nicht zuletzt auch eine Forderung an die Poltik, etwas zu unternehmen. Schliesslich geht es ihr an den Kragen, steht da implizit. Und das ist der grundlegende Punkt, um den es mir geht: Wer sagt, dass in dieser neuen Kommunikationswelt nur die Qualitätspresse als legitime Hüterin der Demokratie auftreten kann? Wäre es nicht vielleicht besser und der Demokratie dienlicher, daneben auch neue Formen der gesellschaftlichen Kommunikation und Konsensfindung zu finden? Wieso keine Forderung nach Experimenten? Auf die einzelnen Punkte von Bobby California möchte ich nicht eingehen. Wenn ich es richtig verstehe, variiert er nämlich immer wieder sein Mantra: „Das Internet kann (…) niemals hochwertigen Journalismus ersetzen.“Ich habe in meinen Ausführungen mit keinem Wort gesagt, dass Journalismus nicht mehr nötig sei, dass „das Internet“ das schon irgendwie übernimmt. Aber ob die traditionelle Redaktion die einzige Organisationsform ist, die hochwertigen Journalismus hervorbringen kann, das bezweifle ich sehr wohl. Ich glaube, das Netz ist eine Plattform für einen Journalismus, bei dem Spezialisation, freie Plattformen, Netzwerke, Kollaboration, Archivierung und das Wegfallen der Druckindustrie ganz neue Effizienzen und Transparenz schaffen. Wie dieser Journalismus aussehen wird, das weiss ich nicht. Aber wenn eine Nachfrage besteht, dann wird sich auch ein Angebot dafür etablieren lassen.Nur herumzuklönen bringt meines Erachtens nicht viel. Und genau so wenig bringen die Forderungen Imhofs nach „Elimination der Gratiskultur“, das klingt nach Murdoch. Seine anderen Punkte halte ich für ok, sie beinhalten aber alle nicht die Forderung nach Innovationsförderung auf Seiten der Kommunikatoren. Sondern zielen darauf ab, althergebrachte Institutionen zu bewahren. Ob das angesichts der seismischen Verschiebungen, die wir aktuell im Informationssektor erleben, sinnvoll ist, halte ich für zumindest fragwürdig.

  12. Thom Nagy > «Offensichtlich haben gewisse Kommentatoren Mühe mit Veränderung»: Ach mein lieber Schwan, ich ahnte, dass das auch noch kommen würde: Nagy hängt mir den Nostalgiker an. Ja, ich habe Mühe mit der Veränderung, wenn es eine Veränderung zum Schlechten ist. Veränderung ist nicht in jedem Fall etwas Positives. Wenn sich die Versorgung mit Informationen im Internet bewerkstelligen lässt, dann habe ich nichts dagegen. Nur: Bisher ist so etwas nicht in Sicht. Journalismus findet nicht im Bugsierer-Blog statt, und 20min Online verhält sich zu einer seriösen Tageszeitung genau so wie McDonalds zu einem guten Restaurant. Es ist dank Kurt Imhof jetzt eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache.«Deshalb sind neue Modelle gefragt, anstatt Altes um jeden Preis bewahren zu wollen»: Das mit den «neuen Modellen» scheint ja Ihr Mantra zu sein. Das Problem ist nur, dass niemand genau sagen kann, wie die neuen Modelle aussehen sollen. «Wer sagt, dass in dieser neuen Kommunikationswelt nur die Qualitätspresse als legitime Hüterin der Demokratie auftreten kann»: Wer soll den Job denn sonst übernehmen? Ugugu? Oder 20min Online?«Wieso keine Forderung nach Experimenten?» Ich hab ja gar nichts gegen Experimente. Aber die Idee, dass man sich im Internet mit den heute existierenden Quellen genau so gut über politische Themen informieren kann wie mit einer Tageszeitung, diese Idee hat ganz offensichtlich nichts mit der Realität zu tun.«Ich glaube, das Netz ist eine Plattform für einen Journalismus, bei dem Spezialisation, freie Plattformen, Netzwerke, Kollaboration, Archivierung usw»: Glauben Sie, was Sie wollen. Es gibt auch Leute, die an Geister glauben oder an Ufos. Glauben ist keine Grundlage für ein konkretes und funktionierendes Businessmodell.«Herumzuklönen bringt meines Erachtens nicht viel»: Doch, es bringt sehr viel. Denn jetzt hat ein Wissenschaftler das Problem benannt, und jetzt ist die Politik gefordert. Damit ist der erste Schriftt zur Besserung getan.«Und genau so wenig bringen die Forderungen Imhofs nach Elimination der Gratiskultur»: Doch, es bringt auch sehr viel. Das Gratiszeug muss weg, denn es ist schuld an der Misere. Warum das so ist und wie die Elimination gelingen könnte, hat Imhof im Medienspiegel erklärt.

  13. lieber thom. why agree to disagree? bobby california hat doch – und wenns weh tut – einfach in den allermeisten punkten recht.die geschichten, die passieren draussen. um sie zu erzählen, braucht es bezahlte, von (fremden) finanziellen interessen aber dennoch unabhängige menschen. journalisten eben. ein dossier, das geschichten von journalisten, die irgendwo vor ort waren, diese dinge gesehen, mit menschen gesprochen haben, zusammenfasst und übersetzt – ein solches dossier (nichts dagegen, es ist sehr informativ, auch das braucht es) ist doch nicht das, wovon wir hier reden. nur: keiner von euch hat diese geschichen vor ort selbst gemacht. das hat irgendwo ein kollege erledigt. gäbs diese kollegen nicht – ihr hättet gar kein öl-dossier. jedenfalls keins mit irgendwelchen verlässlichen informationen drin. vielleicht ein paar schockierende bilder. ein paar offizielle statements. ein paar bp-quotes. fertig.THIS is what happens when journalism dies:http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2009/02/27/AR20090227035…die totale macht der offiziellen version. kein blogger der welt wird diese lücke je füllen. und die welt in baltimore (in fucking baltimore!) ist wieder ein stück undemokratischer geworden.das ist nur eins von vielen möglichen, unmöglichen und denkbaren beispielen. (in ann arbor, michigan, wo ich mal ein jahr lebte, wurde letztes jahr die zeitung geschlossen. die hatte über 200 angestellte, knapp 50’000 leser. tschüss! in einer stadt mit über 100’000 einwohnern gibts jetzt noch ein lausiges online-portal, personell völlig unterbesetzt. wer in politik/uni/verwaltung/sonstwo was faules aufziehen will – ann arbor ist sicher nicht der dümmste ort dafür, schaut einem ja niemand mehr auf die finger). darum geht’s.es kann nicht im interesse einer rechtsstaatlichen gesellschaft sein, den journalismus stück für stück zu verlieren. und ja, “Das Netz ermöglicht uns aber eine schier unendliche Anzahl von Perspektiven/Meinungen” – nur stammen die Informationen, die WAHR sind, aus welcher perspektive auch immer, halt noch immer von leuten, die sauber ihren journalistischen job gemacht haben. der rest, das sind die “meinungen”. nur: mit meinungen allein ist, befürchte ich, keine demokratische gesellschaft zu machen.

  14. @gabriel: ich sehe keinen sinn darin, mit leuten wie bc zu diskutieren, weil ihre meinung ohnehin fest steht – völlig unabhängig davon, was ich schreibe. dazu kommen kraftausdrücke und unterstellungen, die ein sinnvolles gespräch verunmöglichen. es war mir auch nicht bewusst, aber wenn du dich ein bisschen in der schweizer blogosphäre umschaust (oder schon nur in den kommentaren von medienspiegel.ch), wird dir schnell klar, was ich meine.jetzt aber zur sache:ich habe mit keinem wort gesagt, dass die funktion des journalismus durchs netz überflüssig wird. selbstverständlich braucht es chronisten, geschichtenerzähler und vor allem auch spürnasen, die das geschehen in der welt in irgendeiner form festhalten, den mächtigen auf die finger schauen und professionell versuchen, das chaos dieser welt zu erklären. diese funktion muss aber nicht mehr zwangsläufig von der organisationsform “redaktion mit angeschlossenem verlag und druckerpresse” erfüllt werden. es sind heute doch auch völlig andere arten der gesellschaftlichen checks & balances denkbar. öffentlichkeit kann eben nicht mehr nur derjenige herstellen, der eine druckerpresse oder eine sendeanlage im keller stehen hat. und das eröffnet unglaubliche möglichkeiten. selbstverständlich stellt sich die frage der finanzierung dieser gesellschaftlichen funktion. aber so abgedroschen das mittlerweile auch ist: in flattr erkenne ich ansätze in diese richtung. stell dir vor, dieser (oder ein viel ausgereifterer) bezahldienst würde von einer milliarde menschen verwendet, die ihr jetziges medienbudget auf diese weise verteilten. da käme doch für die colberts, stewarts, thiriets und brönnimanns dieser welt ein ganz okayer batzen zusammen… genauso wie für die jerry springers, oprah winfreys und sven epineys. und hier setzt mein vorschlag an: statt bei der medienlandschaft soll man früher, bei der bildung ansetzen. und so die menschen dazu bringen, sich für ihre gesellschaft zu interessieren und dementsprechend einen teil ihres medienbudgets für dessen kontrolle aufzuwenden.mich nervt an der ganzen diskussion diese unglaublich konservative, fast schon weinerliche geisteshaltung, die ich angesichts der umwälzungen, die wir miterleben dürfen/müssen durchaus auch für gefährlich halte. weil sie den blick auf die zukunft verstellt und so verhindert, dass wir sie im sinne einer funktionierenden gesellschaft formen. und genau dazu hat sich auch in der diskussion nach der veröffentlichung des jahrbuchs niemand geäussert. eigentlich schade, oder nicht?

  15. Soll ich’s sagen? Roger Schawinski hat auch flattr erfunden! Ich meine mich zu erinnern, dass er schon vor vielen Jahren (irgendwann in den 90ern?) vorgeschlagen hat, man sollte auf der Empfangsgebühren-Rechnung der PTT, wie die Vorläuferorganisation der Billag hiess, à la “multiple choice” ankreuzen können, welchen Medien der Betrag zu gleichen Teilen gutzuschreiben sei. Klingt doch nach analogem flattr irgendwie.Natürlich war das damals als Tritt ans Schienbein der SRG gemeint.

  16. schawi, der alte visionär…mir ist doch klar, dass flattr nicht der weisheit letzter schluss ist.ich sage: keiner hat eine abschliessende antwort. aber man sollte sich besser gedanken darüber machen, wie das alles in zukunft aussehen könnte. so wie zum beispiel david byrne (link oben im blog).

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