BuzzFeed: Der funktionierende Prototyp einer “Distributed Media Company”

Seitdem BuzzFeed, eine Website, die sich auf virale Inhalte spezialisiert hat, den Polit-Starreporter Ben Smith von Politico abgeworben hat, wird sie plötzlich auch von Leuten beachtet, die sich wahrscheinlich nur am Rande für Ressorts wie LOL, cute, omg oder wtf? interessieren. Nach diesem Betabeat-Artikel, der die BuzzFeed zugrunde liegende Logik schön beschreibt, stiess ich heute auf einen spekulativen Artikel, in dem sich der Autor Gedanken über die Ziele der Organisation macht.

The goal of Buzzfeed is not to make people “bookmark” them in their browser. In some ways, having one’s own website, in the Perettian way of looking, is only important at the level of monetization: The models aren’t quite there yet for monetizing a 100 percent distributed brand. So in the meantime we have a “website.” But the main goal is to rule Facebook, not to rule with its own homepage. It’s about market share. On one end of the wedge, there is an individual’s news feed, and their level of attention to it; that’s a small place, and there isn’t room for a lot of different media organizations to speak to people there. On the other end, the number of people who rely on those feeds to tell them what to view on the web—to use it as not just their main but really their only portal to the wide web—is constantly increasing. Right now is the time to kick everyone else out of there. That, I believe, is what BuzzFeed is being built to do.

Das deckt sich erstaunlich weit mit einer Aussage, die Jeff Jarvis bereits 2006 gemacht hat: Die Medienorganisation der Zukunft funktioniert ihm zufolge nicht mehr über eine einzelne Website als Zentrum ihrer Aktivitäten, sondern “lebt” verteilt über verschiedenste Plattformen – zurzeit ist das Facebook, aber das kann sich auch wieder ändern – und erreicht die Menschen mit ihren Inhalten dort, wo sie sich gerade aufhalten. Es hat zwar eine Weile gedauert, aber mit BuzzFeed scheint diese Art von Medienorganisation zum ersten Mal in den Mainstream vorzudringen. Die Luft für uns Mediendinosaurier wird zunehmend dünner.

ih libe das internet saytung

Es ist schon recht grossartig, diese Internet. Da sitze ich neulich eines Nachts nichtsahnend vor dem Computer, als mich folgende @reply erreicht:

@ThomNagy alo thom! Ih libe dayn sosyal medya! ih habe geleysen file von daynem internet saytung. gratulasyon!!

Meine erste Reaktion: Hä, WTF? Die zweite: ROTFL. Und die dritte, als ich schon im Bett lag und den Tag Revue passieren liess: Wow! Obwohl Cacıkcı Çocuk (wahrscheinlich) nur im Kopf eines begnadeten Geschichtenerzählers lebt, kann ich via Twitter tatsächlich mit einer literarischen Figur interagieren. Das macht sie lebendiger, als viele der Kunstfiguren, denen man in Büchern begegnet. Çocuk kommentiert das Wetter, fragt nach der sosyal medya strateji der Swiss Music Awards, reicht Schweizer Promis seine helfende Hand, freut sich über meine ritivits und sondert noch viel mehr umwerfende Statements ab. Wie grossartig ist das denn?

Wenn wir schon beim Thema Humor/Internetz sind: Food on my dog. Was für ein episch lustiger Blog. Gestern ging ich in meiner Begeisterung soweit und bezeichnete das Ding gegenüber einem Kollegen als Vertreter eines neuen literarischen Genres: Absoluter Nonsense, derart konsequent auf die Spitze getrieben, dass er zum Meisterwerk wird. Und wenn man sich all die absurden Tumblr-Blogs vor Augen führt, ist die Aussage nicht einmal ganz so wahnsinnig, wie sie auf den ersten Blick scheint. Hach, ich liebe das Internet.

The bianca Story und das entscheidende Quantum Glück

Sprachlos. Hinterliessen mich The bianca Story am Samstag, nachdem sie ihr neues Album in der Wohngallerie SALTS mit einem nahezu perfekten Konzert getauft hatten. Ich hatte viel erwartet, Kollege Joliat hatte mir ein paar Tage zuvor das Werk vorgespielt, Videos gezeigt. Aber nach diesem Gig ist klar, was David Bauer schon am Sonntag schrieb: Die Diskussionen um diese Band sind beendet. Das sage ich als einer, der The bianca Story schon ziemlich lange journalistisch begleitet … und das nicht immer nur voller Begeisterung:

2009 wurde ich zu den Proben der Elektro-Oper “Chris Crocker” eingeladen, um auf die Premiere hin einen Artikel zu schreiben. Nach dem Durchlauf stand ich mit Elia und Carena Schlewitt draussen vor der Kasernentüre und musste mich erklären/verteidigen:

- “Ja, das Stück war durchaus… äh.. interessant. Ja, für ein Theaterpublikum sicher auch toll anzusehen. Aber nein, eher nicht Stoff für das Massenpublikum meiner Publikationsplattform 20 Minuten, tut mir leid. “
- “Aber hey, auch die grosse Masse soll doch auf spannendes Theaterschaffen aufmerksam werden. Aber hey, das ist doch Popkultur, das passt zu euch. Aber hey, die Beteiligten haben sich grosse Mühe gegeben.”
- “Das ist unbestritten. Trotzdem: Ich finde nicht, dass 20 Minuten das richtige Gefäss für sowas ist. No offense. Ich geh dann mal.”

Seither war ich Beobachter aus der Ferne geblieben, hatte The bianca Story auf Konzerten gefeiert, ansonsten mehr oder weniger ignoriert. Und jetzt das: Ein – man kann es nicht anders sagen – monumentales Werk, dieses “Coming Home”. Selten wurde der ganz grosse Pop-Gestus derart perfekt mit künstlerischem Anspruch vereint. Eine Band die nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch mit Leidenschaft auf der Bühne steht. Mit einer organisatorischen Infrastruktur im Rücken, wie sie im deutschsprachigen Raum kaum besser sein könnte (Irascible, Tim Renner, Motor Music).

Diese Band macht zur Zeit alles richtig. Was jetzt noch fehlt, ist das entscheidende Quantum Glück. Ich wünsche der Truppe von ganzem Herzen, dass es ihnen zufliegt.

3 Tage Le Web – Eine Kurzzusammenfassung

Im Auftrag der NZZ war ich vergangene Woche drei Tage in Paris, um Leute Eric Schmidt (Google), Dennis Crowley (Foursquare), Daniel Ek (Spotify) oder Sean Parker (Investor bei Facebook, Spotify) über Gegenwart und Zukunft der Entwicklung im Netz diskutieren zu hören.

Die vier wichtigsten Takeaways (hier ist nachzulesen, was das jeweils bedeutet):

1. Postsocial

2. Post-PC

3. Design Thinking

4. Auflösung der Grenze zwischen digital und real

 

Imhof und die Qualitätsdebatte: Ein Epilog

Zum zweiten Mal nach 2010 veröffentlichte eine Forschergruppe um Professor Kurz Imhof vom fög im Oktober einen kritischen Bericht zur Qualität in den Schweizer Medien. Wie schon im Vorjahr wehrten sich die Kritisierten (Hansi Voigt, Chefredaktor 20 Minuten tat das hier, Peter Wälty, Chefredaktor Newsnet hier), kratzten mit ihrer Kritik an der Kritik aber nur an der Oberfläche und wurden von Imhofs beeindruckender Rhetorik entsprechend beiläufig beiseite gewischt. Als mich meine Kollege Marc Böhler darauf hin aus dem Blauen heraus – wir kannten uns bzw. unsere Ideen ausschliesslich aus den Kommentarspalten beim Medienspiegel sowie Postings bei sozialen Netzwerken – via Google+ anfragte, ob wir gemeinsam eine etwas weiter gedachte, fundiertere Kritik am Jahrbuch verfassen sollten, war ich sofort Feuer und Flamme. Wohlgemerkt: Wir hatten (und haben) noch nie persönlich miteinander geredet, verfassten aber dank den kollaborativen Möglichkeiten von Google Docs in relativ kurzer Zeit gemeinsam einen Text, der wohl besser gedacht ist, als das, was jeder von uns einzeln zustande gebracht hätte. Dessen Veröffentlichung auf medienspiegel.ch löste eine ausgesprochen spannende, konstruktive Diskussion aus, bei der Imhof und sein Forscherteam – wie ich meine – aus der Reserve gelockt wurden und sich am Ende ein vorsichtiger Konsens heraus schälte:

“Für uns hier interessant und damit auch für das Jahrbuch ist also nicht die Zwei-Welten-Theorie alter versus neuer Medien sondern Korrespondenzen von Öffentlichkeiten thematisch varianter Kommunikationsflüsse in den Informationsmedien und thematisch zentrierter Öffentlichkeiten in den SM.” (Imhof)

Ich war dann zugegebenermassen ein wenig enttäuscht, als Herr Imhof in einem späteren Interview auf persönlich.com auf ebendiese Diskussion angesprochen mit folgender Aussage antwortet:

“Thom Nagy und Marc Böhler nehmen eine alte Debatte auf, die auf der “Zwei-Welten-Theorie” basiert. Bei dieser Theorie sind auf der einen Seite die Informationsmedien und auf der anderen Seite die Social Media. Nagy und Böhler sagen, Social Media würden die Welt der Informationsmedien verdrängen.”

Eben nicht, vielmehr geht es um Wechselwirkungen zwischen diesen und anderen Systemen der öffentlichen Informationsvermittlung. Glücklicherweise hat das die Interviewerin verstanden, wie die nachfolgende Frage zeigt:

Nein, das sagen Nagy und Böhler nicht. Sie wenden aber ein, Sie hätten die Mechanismen der Social Media und des Internets ungenügend berücksichtigt bei Ihrer Forschung.

Anywayz (ein Anglizismus zur Auflockerung – immer gut): Ich hatte schon lange vor, eine kleine Zusammenfassung dieser Episode zu schreiben, nur fehlte mir bisher der entsprechende Anlass. Den lieferte heute morgen ein äusserst anregendes Essay von Jonathan Stray (das ich jedem an der Materie Interessierten in voller Länge ans Herz lege), in dem er sich Gedanken darüber macht, wie eine zukünftige “digital public sphere” ausgestaltet sein könnte, wie sich der Begriff von Öffentlichkeit und Demokratie unter dem Einfluss vernetzter Kommunikation radikal ändern könnte, sollte, und hoffentlich auch wird:

“… all of these things — journalism, search engines, Wikipedia, social media and the lot — have to work together to common ends. There is today no one profession which encompasses the entirety of the public sphere. Journalism used to be the primary bearer of these responsibilities — or perhaps that was a well-meaning illusion sprung from near monopolies on mass information distribution channels. Either way, that era is now approaching two decades gone. Now what we have is an ecosystem, and in true networked fashion there may not ever again be a central authority. From algorithm designers to dedicated curators to, yes, traditional on-the-scene pro journalists, a great many people in different fields now have a part in shaping the digital public sphere. I wanted try to understand what all of us are working toward. I hope that I have at least articulated goals that we can agree are important.”

Um diesen Blick auf die Veränderungen gesellschaftlicher Kommunikation unter digitalen Vorzeichen ging es Marc Böhler und mir, als wir in unserem Text schrieben

“Der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft sammelt Daten und macht Politik. Der Mangel an zeitgemässer Auseinandersetzung mit dem Wandel der Dynamiken zwischen Medientechnologie, Medienbranche und Öffentlichkeit, der Mangel an online-gerechten Qualitätsindikatoren sowie das beschränkte Untersuchungsuniversum führen zu einer Verzerrung der politischen Schlussfolgerungen.

Die Politik aber verlässt sich in der Regel auf die Aussagen der Wissenschaft und sie könnte schlimmstenfalls Massnahmen beschliessen, die den Status Quo zu zementieren versuchen, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie die Rahmenbedingungen für eine öffentliche Kommunikationsinfrastruktur und -kultur aussehen sollten, die den technologischen Realitäten entspricht und deren Potential ausschöpft.”

Noch einmal: Die alte Diskussion an den verhärteten Fronten alter vs. neuer Medien ist längst passé und langweilt nur noch. Qualität in den Medien ist ein wichtiges Thema, aber wenn dabei der Blick auf die Zukunft vergessen geht, erweist man der Sache einen Bärendienst.

Meinung revidiert: Robin Rehmann

Ich fand diesen Robin Rehmann bisher ja vor allem eins: anstrengend. Deshalb hatte ich auch keine wirkliche Ahnung, was der Typ so treibt. Nun bin ich gestern nacht über dieses Video gestolpert – der Mann befriedigt sein Mitteilungsbedürfnis offenbar nicht nur am Virus-Mikrophon, sondern auch über regelmässig erscheinende VLogs – und muss sagen: Ich fands gut. Ziemlich gut sogar. Während der Wahnsinn immer wieder in Rehmanns Augen aufleuchtet, zieht sich eine ganz feine Melancholie durch diese knapp sechs Minuten, die ich dem Mann so nicht zugetraut hätte. Und für Beiträge, die die Tristesse hinter den Gameshow-Kulissen aufzeigen, bin ich sowieso immer zu haben.

In einem Land, das vom Mittelmass moderiert wird, hebt sich dieser Typ wohltuend vom Rest seiner Kollegen ab. Ja, zuweilen geht das ganz schön auf die Nerven. Aber es macht die Medienlandschaft trotzdem ein kleines bisschen interessanter. Und deshalb hat er mehr verdient, als ein-, zweihundert Klicks pro Video.

Update: Kollege Hoskyn hat mich soeben darauf aufmerksam gemacht, dass die Leute von infamy gestern eine ähnliche Erkenntnis hatten. Und zwar hier.

Amazon Silk: Lose Control

Ziemlich beeindruckend, was die Amazon-Entwickler da zusammen gebaut haben. Zumal es die bestehende Server-Infrastruktur des Internet-Giganten perfekt ausnutzt, um die User Experience des Kindle Fire dramatisch zu verbessern (falls die im Video gemachten Claims zutreffen). Trotzdem: Irgendwie hab ich ein mulmiges Gefühl, wie viel Kontrolle Bezos und seine Leute damit über das Surf-Verhalten ihrer Kunden gewinnen. Was, wenn man unbequeme Seiten einfach wegfiltert? Es wäre nicht das erste Mal.

Kollege Steier hat mehr Infos. Kollege Madrigal ebenso.

Update: Habe diesen Gedanken drüben bei NZZ Online weiter ausgeführt.

Miriam Meckel: Copycat?

Ich bin einigermassen erstaunt darüber, wie kontextlos die – durchaus berechtigten – Gedanken von Miriam Meckel in den letzten Tagen durch die deutschsprachigen Medien gingen. Vielleicht geht es nur mir so, aber ihre Warnung von der Algorithmisierung des Lebens kommt mir sehr bekannt vor. Ist es nicht ein wenig seltsam, dass Eli Pariser weder hier, noch hier, noch hier auch nur am Rande erwähnt wird? Mag sein, dass man rein zufällig auf beiden Seiten des Atlantiks auf die gleiche Idee kommt. Aber als Journalist könnte man ja zumindest nachfragen, wenn die gute Dame vor dem Interview-Mikrofon sitzt.

Update: Ich bin offenbar nicht der einzige, der sich diese Frage stellt.