Facebook, quo vadis?

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In den letzten Monaten hat sich die Zahl der Status-Updates in meinem Facebook-Newsfeed dramatisch verringert. Noch im vergangenen Sommer schaute ich mindestens stündlich vorbei, um zu schauen, welche Neuigkeiten sich in meinem Freundeskreis abspielen. Es war spannend, eine echte Bereicherung meines medialen Alltags. Das ist vorbei. Heutzutage nutze ich Facebook zu 80% in einem sehr eng begrenzten Rahmen, einer privaten Gruppe mit vier Freunden in der wir uns im geschlossenen Rahmen und frei von sozial aufgezwungener Political Correctness über hochintelligente Profanitäten austauschen. Statusupdates an meinen gesamten Freundeskreis sind zur Ausnahme geworden.

Mehr aus Gewohnheit, denn aus Interesse klicke ich noch ab und zu in den eigentlichen Newsfeed, bin aber fast immer enttäuscht davon, was ich dort vorfinde. Wenn auf Netzfundstücke hingewiesen wird, dann handelt es sich meist um Interessantes aus dem Kuriositätenkabinett, bei dem mit der Headline meist schon alles gesagt ist. Dann gibt es Friends, die via YouTube ihren Musikgeschmack kund tun, was ich eigentlich auch ganz nett, wenn auch sehr flüchtig finde (wieso kann ich keine Liste mit Favoriten erstellen?). Und schliesslich gibt es eine Hand voll Leute, die genuin spannende Einträge verfassen und damit für den grössten Teil der Dialoge sorgen. Nur: Letztere sind allesamt auch bei Twitter vertreten. Und posten ihre geistigen Ergüsse parallel an beiden Orten. Bei all dem fehlt aber etwas, das den ursprünglichen Reiz von Facebook ausgemacht hat: News aus dem Privatleben meiner Freunde. Mein subjektiver Befund lautet (und ich lasse mich gerne eines Besseren belehren): Die ursprüngliche Nutzung von Facebook als Mittel, um über die Geschehnisse in seinem Freundeskreis informiert zu sein nimmt tendentiell ab.

Das heisst keinesfalls, dass ich Facebook abschreiben würde, im Gegenteil. Neben einem anhaltenden Wachstum der User-Base in neuen Märkten scheint sich das Unternehmen der Gefahr einer Stagnation der Aktivitäten bestehender Nutzer nur allzu bewusst zu sein und unternimmt alles, um interessant zu bleiben – siehe Places, Deals und Like-Buttons. Die Nutzung solch neuer Funktionen hat sich aber – zumindest in meinem Newsfeed – bisher nicht durchgesetzt. Wenn uns das Kapitel Myspace eins lehrt, dann ist es die Tatsache, dass die User bereit sind, ihre digitalen Zelte in Windeseile am nächsten Ort aufzubauen. Die aktuelle Dominanz und die damit verbundene fantastische Bewertung des Zuckerberg-Imperiums könnten sehr schnell Schnee von gestern sein.

Vor ein paar Wochen besuchte ich einen Workshop des Guardian-Journalisten Simon Rogers zum Thema Datajournalism. Dabei kam mir die Idee, dieses diffuse Gefühl vom statustechnischen Niedergang von Facebook mit harten Daten zu untermauern. Während mir die Techniken zur Analyse und Aufbereitung der entsprechenden Rohdaten einigermassen klar sind, hab ich keine Ahnung, wie ich an sie heran kommen soll. Deshalb meine Frage an die Programmierer unter euch: Gibt es eine Möglichkeit, den gesamten Output an (öffentlichen) Statusupdates für eine bestimmte Region – in diesem Falle die Schweiz – in einer Datenbank zu erfassen? Vielleicht sogar für einen vorgegebenen Zeitraum, der in der Vergangenheit liegt, um vergleichende Analysen durchführen zu können? Also zum Beispiel Februar 2010 im Vergleich zum Februar 2011. Ein Einstiegspunkt wäre die Graph API. Ich kenne mich mit solchen Dingen aber leider (noch) zu wenig aus, um in vernünftiger Zeit zu einem Resultat zu kommen.

Und dann gleich noch einen weitere Frage, diesmal an die geschätzten Ottonormal-User gerichtet: Wie relevant ist Facebook für euch im März 2011? Wofür nutzt ihr den Dienst in erster Linie? Ich freu mich auf spannenden Input!

Und jetzt poste ich diesen Artikel auf Facebook.

Social Media bei 20 Minuten Online

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Im Dezember erhielten wir bei 20 Minuten Online eine Interview-Anfrage vom Schweizer Journalist betreffend Social Media. Weil der Platz in einem Print-Medium naturgemäss begrenzt ist, schaffte es nur ein kleiner Bruchteil unserer Aussagen dazu in den Artikel. Mit dem Einverständnis meines Noch-Chefs Hansi Voigt stelle ich nachfolgend das ganze Interview online. Das Thema hat doch eine gewisse Relevanz für die Medienschweiz und verdient meiner Meinung nach mehr, als die blosse Aufzählung einiger bruchstückhafter Aussagen.

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Welche Gründe sprechen für oder gegen Twitter resp. Facebook? Oder anders: Wie grenzen sich Facebook und Twitter voreinander ab, wenn es um den Einsatz in einem journalistischen Umfeld geht?

Facebook ist eine geschlossene Plattform, auf der die persönliche Kommunikation mit dem Bekanntenkreis im Vordergrund steht. Für diese Art von Interaktion können wir unserem Claim entsprechend Gesprächsstoff liefern und nutzen diese Plattform dementsprechend tendentiell eher für Distribution und Dialog mit der Leserschaft. Das tun wir auch auf Twitter, aber durch seine offene, eher inhaltsbezogene Natur eignet es sich darüber hinaus sehr gut als Recherche-Instrument um Leads zu finden und so Geschichten zu generieren. Ausserdem ersetzt Twitter bei Heavy Usern zunehmend den Newsticker, da sich hier News unglaublich schnell verbreiten und oft als erstes zu lesen sind.

Gibt es eine strategische Herangehensweise an Social Media oder erfolgt dies mehr ad-hoc per trial-and-error? Falls ja: Welches sind Kerngrundsätze und Hauptziele und wie werden diese kontrolliert?

Ja, es gibt eine strategische Herangehensweise. Grundsätzlich hat sich 20min.ch dazu entschlossen, in Social Media als Redaktion und nicht in Form von einzelnen Autoren aufzutreten (wobei letzteres natürlich jedem frei gestellt ist). Die Strategie ist dabei folgende: Es gibt sowohl bei Facebook, als auch bei Twitter je einen Haupt-Account, auf dem ressortübergreifend die wichtigsten Stories des Tages sowie Mitteilungen in eigener Sache gepostet werden. Parallel dazu hat jedes Ressort einen eigenen Account für Leser, die sich nur für ein spezifisches Thema interessieren, hier aber umfassender auf dem Laufenden gehalten werden wollen. Letztere haben eine häufigere Update-Frequenz (Beispiel: 20min_digital). Darüber hinaus postet unser Video-Ressort seine Erzeugnisse auf YouTube und speist sie so ins zweitgrösste Soziale Netzwerk nach Facebook ein.

Die Ziele dieser Massnahmen sind:

– Steigerung des Referral-Traffic aus Social Media (lässt sich mit Zahlen überprüfen)

– Steigerung der Fans/Followers (lässt sich mit Zahlen überprüfen)

– Steigerung der Leserbindung/Engagament mit unseren Inhalten (eher intangibler Wert, schwer messbar)

Wie ist der Social Media Einsatz in die redaktionellen Tagesabläufe eingebunden? Wer entscheidet, was wie auf diesen Kanälen kommuniziert wird (sofern dies nicht rein technisch erfolgt, etwa bei einem Schlagzeilen-Stream auf Twitter)? Und wie fliessen Feedbacks aus Kommentaren in die Redaktion zurück?

Bei Twitter pflegen die Blattmacher am Newsdesk den Haupt-Account während die Ressort-Accounts von den Redaktoren in Eigenregie betreut werden. Die Haupt-Page bei Facebook wird zurzeit primär vom Community Manager betreut. Er ist es auch, der in erster Linie das Monitoring der verschiedenen Kanäle übernimmt. In einfachen Fällen übernimmt er die Interaktion mit der Leserschaft gleich selber, ist die Lage etwas komplexer, wird die Wortmeldung von ihm an die entsprechende Stelle weitergeleitet.

Wie stehen konservative/kritische Redaktionsmitglieder zum Einsatz von Social Media? Wie kann man eine ganze Redaktion von den Vorteilen von Social Media überzeugen?

Die Redaktion scheint sich der Wichtigkeit des Themas grundsätzlich bewusst zu sein. Trotzdem ist es schwierig, die neuen Tools im Arbeitsalltag zu verankern, da ihre Nutzung oft als zusätzliche Belastung empfunden wird.

Zur Überzeugungsarbeit: Steter Tropfen höhlt den Stein. Unser Community Manager sammelt Use Cases und zeigt diese bei Interesse am Thema in entsprechenden internen Präsentationen und Schulungen. Darüber hinaus versucht er, abhängig von der aktuellen Newslage, konkrete Anwendungsbeispiele im Redaktionsalltag aufzuzeigen (Beispiel: Haiti, Abgeltungssteuer, Digital-Themen usw.). Was aber definitiv nicht funktioniert, ist Zwang.

Gibt es für den Dialog mit dem Publikum per Social Media besondere Erfolgsgeschichten? Resp.: Was sollte man dabei vermeiden?

Besondere Erfolgsgeschichten: Wenn man bemerkt, dass man eine Beziehung zu den Lesern aufbaut, ein gewisses Vertrauen schafft und so auch Geschichten generieren kann. Vermeiden: Social Media als Promo-Schleuder begreifen. Die Leute haben so schon mehr als genug Spam in ihren verschiedenen Inboxes.

Inwiefern kann mit Social Media-Platformen (v.a. Facebook) die Kommentar-Funktionen zu Artikel auf der Website ergänzt oder allenfalls ganz ersetzt werden?

Ersetzen kann man die Kommentarfunktion gar nicht. Das entsprechende Gespräch sollte nach Möglichkeit im direkten Umfeld des Artikels stattfinden. Parallel dazu ist es aber Fakt, dass da draussen eine “distributed conversation” über unsere Artikel stattfindet. Ob und wie man diese als Redaktion am besten aggregiert ist zurzeit eine offene Frage. Zumal es neben technischen auch rechtliche Aspekte zu beachten gilt.

Welche Rolle spielt die Beachtung von Artikeln auf Social-Media-Platformen (Gefällt-mir, Re-tweets) für die Redaktionsarbeit?

Für die Redaktionsarbeit von 20min.ch an sich eine eher untergeordete Rolle. Inhalte allein nach User-Präferenzen auszurichten wäre langfristig unklug. SocMed-Beachtung fliesst ohnehin in die Traffic-Zahlen ein, das genügt zurzeit. Die Beachtung der Reaktionen spielt aber insofern eine Rolle, dass man Erfahrungen sammelt, welche Inhalte gut und welche weniger gut aufgenommen werden. Und dass man die verschiedenen SocMed-Kanäle entsprechend bespielt.

Welche Reichweiten (Anzahl Followers) braucht es auf Social-Media-Kanälen, um den damit verbundenen Zusatzaufwand auch längerfristig zu rechtfertigen? Oder welche anderen Erfolgskriterien müssen dabei berücksichtigt werden?

Schwierig, das so pauschal zu beurteilen. Im Moment geht es wohl eher darum, Erfahrungen mit dem Thema zu sammeln, als schon einen konkreten ROI auszuweisen. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass im November 7,4 % des Traffics von 20min.ch von Facebook kam. Das hängt zum einen mit unseren direkten Aktivitäten zusammen, zum anderen aber sicher auch mit der Sharing-Infrastruktur (Neuplatzierung der Buttons), mit denen das Teilen von Artikeln immer einfacher gemacht wird.

Wie werden Social-Media-Engagements aus Verlagssicht beurteilt? Gibt es damit verbundene klare Vorteile, resp. allenfalls Nachteile?

Soweit ich weiss, brennen Vermarkter auf Präsenz in Social Media. Diese selbst aufzubauen erfordert einiges an (langfristiger) Aufbauarbeit oder einen Viral-Coup. Obwohl wir unsere SocMed-Aktivitäten ganz klar in erster Linie als redaktionellen Service für den User sehen, kann dieser Anspruch auch verlagstechnisch kombiniert werden – zum Beispiel mit gewissen Wettbewerben .

Wie wird die Präsenz auf Social-Media-Platformen promotet? Welche Ergebnisse können so erzielt werden?

Wir promoten unsere SocMed-Präsenz mittels Teaser-Boxen, Like-Boxen, Anleitungen und mit prominent platzierten Sharing-Buttons in jeder Story. Ziel muss es sein, SocMed so organisch wie möglich ins eigene Angebot zu integrieren und umgekehrt den Weg aus SocMed zu uns so einfach und bequem wie möglich zu gestalten. Durchlässigkeit in beide Richtungen ist essentiell. Wachstum auf der einen Plattform hilft der anderen automatisch. Grundsätzlich gilt: SocMed-Aktivitäten dürfen nicht losgelöst vom Hauptprodukt erfolgen.

Welche für Medienunternehmen relevanten weiteren Entwicklungen sind im Social-Media-Bereich zu erwarten? Wie wichtig werden etwa Geo-Location-Angebote wie Foursquare bei uns?

Ich denke im Zuge der Hyperlokalisierung, welche 20min.ch mit dem Lokalportal seit einer Weile stark voran treibt, wird das Thema auf jeden Fall an Bedeutung gewinnen. Ob man dann mit eigenen Angeboten an den Start geht oder sich für eine Nutzung bestehender Netzwerke wie Foursquare (oder gleich Facebook) entschliesst, wird sich zeigen.

Julian Assange: ‘How do you attack an organisation? You attack its leadership’

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Der Observer hat ein aktuelles Gespräch mit Assange veröffentlicht, in dem er noch einmal (nach seinem Manifest aus dem Jahr 2006) beschreibt, was die wichtigste Motivation hinter WikiLeaks ist. A Man with a plan:

Another criticism often levelled at WikiLeaks is that bursting the banks of information in this way will only lead to the construction of new flood defences by powerful institutions; in other words to more, not less, secrecy.

“The reaction by large corporations and government power,” says Assange, “to a substantial increase in disclosure to the public was thought about in depth in 2006, when we launched WikiLeaks.” The idea that powerful institutions would “go off record” in such a way is fanciful, he argues; discovering their behaviour will always be possible by obtaining internal records. “For instance, when I obtained the manual for standard operating procedure at Guantánamo Bay, I was surprised to see that it included not only many inhumane practices, but it instructed guards to falsify records to the Red Cross. [Because] there is no way for the centre of an organisation to reliably have its peripheral elements reliably carry out its orders… there is a clear, authorised paper trail. Any form of large-scale abuse must be systemised.” And the acquisition of that paper trail, he argues, is the way to expose the abuse.

In this situation, organisations have two choices, says Assange. One is to “engage in plans that the public will support if they are revealed”, meaning that they will have nothing to fear from transparency. The other is to “spend additional resources to keep those plans secret”. The second, more common, course entails a toll on the economic logic of the organisation, which Assange calls a “secrecy tax”. Also, “when an organisation acts in a more clandestine manner”, he says, “its own internal efficiency decreases, because information cannot flow quickly through the organisation. This is another form of secrecy tax.” For organisations to be efficient, they should be transparent, he insists.

I put it to him that all this is heading in the right direction from the point of view of persuading organisations of the virtues of transparency. “It’s not optimism”, he says, suddenly animated, “it’s part of the plan!”

 

NZZ Calling. Oder so.

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Ich machs kurz: Nach fünfeinhalb tollen Jahren verabschiede ich mich von der 20 Minuten-Familie. Und arbeite ab März für die Neue Zürcher Zeitung. Auch wenn ich dazu kaum eine grössere Platitude auspacken könnte: Die Entscheidung fiel mir unglaublich schwer. Schliesslich kam ich erst im letzten Sommer nach Stationen im Ressort People, beim Week (RIP), beim Friday und schliesslich bei der Online-Unterhaltung bei meinem absoluten Traumjob als Projektmanager im Bereich Community und Social Media an. Neben der spannenden Tätigkeit an vorderster Innovationsfront des Online-Journalismus in der Schweiz und den damit verbundenen Freiheiten (und kleinen und grossen Erfolgserlebnissen), war es vor allem auch das Gefühl, Teil einer grossartigen Truppe mit einem ebensolchen Coach zu sein, das mir bei der Entscheidung einiges an Kopfzerbrechen verursachte.

Aber schliesslich überwogen die Argumente meines zukünftigen Chefs Peter Hogenkamp. Im neu geschaffenen Team der NZZ Labs (zusammen mit Florian Steglich und Markus Hug) und einem eigens dafür vorgesehenen Bereich der Website werden wir sozusagen bei Null anfangen und uns als “internes Startup” radikalere Konzepte ausdenken, realisieren und testen können, als das im Tagesgeschäft der grössten Newssite des Landes möglich wäre. Und das ist meiner Meinung nach entscheidend in einer Branche, die zurzeit eine fundamentale Transformation durchmacht, in der noch niemand “die richtige Lösung” gefunden hat und wo deshalb mutige Experimente geradezu überlebenswichtig sind. Dazu kommt die nach wie vor ungebrochene Strahlkraft der Marke NZZ, welche aufgrund von 230 Jahren Meinungsführerschaft weit über die Landesgrenzen hinaus geht. Auch das ist in Zeiten nahezu kostenfreier globaler Distributionsmöglichkeiten ein essentieller Asset, den hierzulande nur wenige Medien haben.

Peter Hogenkamp legt in diesem Vortrag dar, wie er sich die Zukunft der NZZ vorstellt (ab Minute 19:20 geht er detailliert aufs Konzept der Labs ein). Es sind hoch gesteckte Ziele, die er sich und damit auch uns gesetzt hat. Aber in Zeiten des radikalen Umbruchs ist das das einzig Richtige. Deshalb bin ich dabei. Und wahnsinnig gespannt darauf, was für Ideen die kommenden Monate und Jahre bringen werden.