Reaktionen auf die NZZ-Twitterschulungen

Konrad Weber, der bei den NZZ-Twitterschulungen als Assistent mit dabei ist, twittert regelmässig von Podiumsdiskussionen zum Stand der Schweizer Medienlandschaft. Bei dieser Veranstaltung vom 24.5. sind mir dabei folgende Aussagen von Nick Lüthi ins Auge gestochen, da sie direkt Bezug auf die Strategie der NZZ nehmen, ihre Journalisten über flächendeckende Schulungen mit in eine neue Journalismus-Welt zu nehmen. Eine gute Gelegenheit, storify auszutesten.

[View the story “Twitterschulung@NZZ” on Storify]

Das Problem Hyperlocal neu gedacht: n0tice.com

N0tice-logo

Ich bin schon seit geraumer Zeit fasziniert von der Arbeit von Matt McAllister, dem Head of Digital Strategy beim britischen Medieninnovator Guardian. Nun hat er ein neues Projekt vorgestellt, dass er nur mal so nebenbei aus dem Ärmel geschüttelt hat: n0tice.com.

Mit dieser offenen, skalierbaren Plattform geht er das Problem Hyperlocal an. Inspiriert von Services wie Ushahidi, noticin.gs oder Foursquare bringt n0tice.com das Thema Community News auf ein neues Level. Kurz zusammengefasst ermöglicht die Site ihren Nutzern einerseits die Welt um sie herum sehr einfach abzubilden und andererseits auf diese Informationen ortsgebunden zuzugreifen. Das Ganze wird verknüpft mit simplen, aber gut durchdachten Game Mechanics, die produktive Teilnahme fördern sollen. Die Finanzierung des Ganzen soll über kontextsensitive Kleinanzeigen geschehen. So weit, so bekannt.

Den entscheidenden Innovationsschritt macht n0tice.com aber auf einer philosophischen Ebene: McAlister ist ein entschiedener Verfechter von offenen, vernetzten Plattformen und das zieht sich hier durch jeden Aspekt.

Angefangen bei der enormen Skalierbarkeit des Modells über die Tatsache, dass aller Content auf der Site als Creative Commons Attribution-ShareAlike lizensiert ist bis hin zur Offenlegung des Quellcodes scheint immer wieder durch, dass der leitende Gedanke immer war: Wie können wir die Plattform so gestalten, dass alle, die in irgendeiner Weise daran teilnehmen, profitieren können. Vernetztes Denken in Reinkultur. Ich bin gespannt, ob und wie sich die Site in diesem dicht besiedelten Segment durchsetzen kann.

 

 

Ringier prescht vor: The Collection

Col

Nachdem “The Collection” gestern an einem Launch-Event in London vorgestellt wurde (dessen Echo eher verhalten scheint), präsentierte Chefredaktor Peter Hossli heute an der Dufour-Strasse der einheimischem Journaille, wie sich Ringier eine mögliche Zukunft des Journalismus vorstellt. Die entsprechenden Fakten wurden an anderer Stelle bereits hinreichend beschrieben, deshalb will ich mich damit auch nicht lange aufhalten. Interessanter (vor allem aber diskutierenswerter) scheint mir eine Einschätzung der Erfolgsaussichten dieses “appazines”.

Grundsätzlich finde ich es sehr löblich, dass Ringier als grosses Verlagshaus mit diesem Projekt einen mutigen Schritt nach vorne geht und damit wichtige Pionierarbeit leistet. Schon allein aus diesem Grund wünsche ich der Redaktion um Peter Hossli allen Erfolg dieser Welt bei ihrem Unterfangen. Aber ich bin skeptisch, ob er sich einstellen wird. Denn auch wenn “The Collection” einiges anders und aus meiner Sicht richtiger macht, als vergleichbare Produkte wie The Daily oder das Project Magazine – die monothematische Ausrichtung steht hier an erster Stelle – , trägt es einer vernetzten Medienwelt zu wenig Rechnung und teilt damit deren grösste Schwachpunkte. Das äussert sich schon ganz banal darin, dass die gesamte Anbindung nach aussen (Social Media und Email) darin besteht, beim Druck auf den entsprechenden Button in der App einen Link zum iTunes-Store zu verschicken. Da fragt man sich: Wie soll die potentielle Leserschaft überhaupt von der Existenz dieses Next-Level-Journalism erfahren? Zumal die Werbebudgets nach eigenen Angaben sehr gering sind und stattdessen auf virale Verbreitung gesetzt wird. Diese Abschottung kommt nicht von ungefähr: Peter Hossli “gefällt die geschlossene Welt von Apps”, wie er heute fast schon stolz mitteilte. Die unendlich viel grössere Welt des Internet bleibt dabei aussen vor.

Über den Inhalt selbst kann man geteilter Meinung sein. Ich persönlich finde es eher mitteltoll, Prinz Harry die Haare wegzurubbeln, um zu sehen, wie er mit Glatze aussehen würde. Und das Design, so multimedial es auch daher kommen mag, ist jetzt auch nicht so mein Ding. Aber auch hier gilt wieder: Geschmackssache. Sicher ist aber: Die Produktion der Inhalte ist extrem aufwändig und damit teuer.

Aussagen zur Höhe der Investitionen (bis auf die Feststellung, dass man als internes Startup “keine doppelstelligen Millionenbeträge” investiert habe), laufenden Kosten, Umsatzzielen, einem Zeithorizont für die Erfolgsmessung oder auch nur schon zur Redaktionsgrösse liess sich Hossli keine entlocken. Ausser der Feststellung, dass man fest beabsichtige, mit The Collection nennenswerte Umsätze zu erzielen. Schliesslich, so Hossli, hänge sein Job davon ab, ob das gelinge. Ich hoffe für ihn und die Redaktion, dass der nachträgliche Einwurf von Konzernsprecher Mathias Graf, man betreibe schon auch Grundlagenforschung und baue damit Kompetenzen für die Zukunft auf, ernst gemeint war. Denn nur unter diesem Gesichtspunkt macht für mich “The Collection” in seiner jetzigen Form wirklich Sinn.

Zum Abschluss lasse ich jetzt aber auch noch Jonathan Ive Peter Hossli himself zu Wort kommen:

 

Update: Kollege Trotzkyzh hat noch ein paar delikate Infos ausgegraben. Ist das also besagte virale Kampagne?

Update 2: bernetblog und netzwertig haben nun ebenfalls ein paar Gedanken zur App gepostet.

6 Jahre Nightfever. Schön wars.

Saturdaynightfever

Gestern hab ich ein essentielles Kapitel meiner beruflichen Laufbahn endgültig geschlossen: Morgen erscheinen in der Freitagsausgabe von 20 Minuten zum ersten Mal seit fast 6 Jahren nicht mehr meine geistigen Ergüsse zum Thema Wochenend-Vergnügen, sondern diejenigen meines Nachfolgers Nik von Frankenberg.

Es war eine gute, lehrreiche Zeit. Sich Woche für Woche professionell mit dem Thema Party in all ihren Formen auseinander zu setzen war zwar nicht immer, aber allermeistens ein grosser Spass. Ein wahr gewordener Traum für jemanden wie mich, dessen bisherige Erwachsenenjahre zu einem grossen Teil vom Nachtleben geprägt waren. Dabei begann alles mit einem Zufall: Beim Mittagessen in der Uni-Mensa, irgendwann im Frühling 2005, erwähnte ein Kumpel namens TomH beiläufig, dass Olivier Joliat, damals verantwortlich fürs Nightfever, einen Nachfolger sucht. Obwohl die Bewerbungsfrist bereits abgelaufen war, gab mir Oli eine Chance und lud mich zu einem Probetag ein. Der Rest ist Geschichte.

Dieser Verkettung glücklicher Umstände schreibe ich zu, heute da zu sein, wo ich bin. Deshalb sei an dieser Stelle mein tiefster Dank an diese beiden Top-Guys ausgedrückt. Bedanken möchte ich mich auch bei David Cappellini und Niklaus Riegg (sowie Claudia Schlup) von 20 Minuten. Es war mir eine Ehre, mit euch zu arbeiten. Und schliesslich geht mein Dank an die Club-, Band- und Partyszene der Stadt (und Region) Basel. Dank euch und eurem Enthusiasmus gab es jede Woche gute Geschichten zu erzählen. Und gute Nächte zu erleben.

Wem das jetzt alles ein bisschen schwülstig klingt, liegt richtig. Bin halt grad ein bisschen sentimental. Aber das legt sich wieder. Ein bisschen.

P.S.: Seid nett zu Nik!

Facebook, quo vadis?

Facebook-like-thumbs-up

In den letzten Monaten hat sich die Zahl der Status-Updates in meinem Facebook-Newsfeed dramatisch verringert. Noch im vergangenen Sommer schaute ich mindestens stündlich vorbei, um zu schauen, welche Neuigkeiten sich in meinem Freundeskreis abspielen. Es war spannend, eine echte Bereicherung meines medialen Alltags. Das ist vorbei. Heutzutage nutze ich Facebook zu 80% in einem sehr eng begrenzten Rahmen, einer privaten Gruppe mit vier Freunden in der wir uns im geschlossenen Rahmen und frei von sozial aufgezwungener Political Correctness über hochintelligente Profanitäten austauschen. Statusupdates an meinen gesamten Freundeskreis sind zur Ausnahme geworden.

Mehr aus Gewohnheit, denn aus Interesse klicke ich noch ab und zu in den eigentlichen Newsfeed, bin aber fast immer enttäuscht davon, was ich dort vorfinde. Wenn auf Netzfundstücke hingewiesen wird, dann handelt es sich meist um Interessantes aus dem Kuriositätenkabinett, bei dem mit der Headline meist schon alles gesagt ist. Dann gibt es Friends, die via YouTube ihren Musikgeschmack kund tun, was ich eigentlich auch ganz nett, wenn auch sehr flüchtig finde (wieso kann ich keine Liste mit Favoriten erstellen?). Und schliesslich gibt es eine Hand voll Leute, die genuin spannende Einträge verfassen und damit für den grössten Teil der Dialoge sorgen. Nur: Letztere sind allesamt auch bei Twitter vertreten. Und posten ihre geistigen Ergüsse parallel an beiden Orten. Bei all dem fehlt aber etwas, das den ursprünglichen Reiz von Facebook ausgemacht hat: News aus dem Privatleben meiner Freunde. Mein subjektiver Befund lautet (und ich lasse mich gerne eines Besseren belehren): Die ursprüngliche Nutzung von Facebook als Mittel, um über die Geschehnisse in seinem Freundeskreis informiert zu sein nimmt tendentiell ab.

Das heisst keinesfalls, dass ich Facebook abschreiben würde, im Gegenteil. Neben einem anhaltenden Wachstum der User-Base in neuen Märkten scheint sich das Unternehmen der Gefahr einer Stagnation der Aktivitäten bestehender Nutzer nur allzu bewusst zu sein und unternimmt alles, um interessant zu bleiben – siehe Places, Deals und Like-Buttons. Die Nutzung solch neuer Funktionen hat sich aber – zumindest in meinem Newsfeed – bisher nicht durchgesetzt. Wenn uns das Kapitel Myspace eins lehrt, dann ist es die Tatsache, dass die User bereit sind, ihre digitalen Zelte in Windeseile am nächsten Ort aufzubauen. Die aktuelle Dominanz und die damit verbundene fantastische Bewertung des Zuckerberg-Imperiums könnten sehr schnell Schnee von gestern sein.

Vor ein paar Wochen besuchte ich einen Workshop des Guardian-Journalisten Simon Rogers zum Thema Datajournalism. Dabei kam mir die Idee, dieses diffuse Gefühl vom statustechnischen Niedergang von Facebook mit harten Daten zu untermauern. Während mir die Techniken zur Analyse und Aufbereitung der entsprechenden Rohdaten einigermassen klar sind, hab ich keine Ahnung, wie ich an sie heran kommen soll. Deshalb meine Frage an die Programmierer unter euch: Gibt es eine Möglichkeit, den gesamten Output an (öffentlichen) Statusupdates für eine bestimmte Region – in diesem Falle die Schweiz – in einer Datenbank zu erfassen? Vielleicht sogar für einen vorgegebenen Zeitraum, der in der Vergangenheit liegt, um vergleichende Analysen durchführen zu können? Also zum Beispiel Februar 2010 im Vergleich zum Februar 2011. Ein Einstiegspunkt wäre die Graph API. Ich kenne mich mit solchen Dingen aber leider (noch) zu wenig aus, um in vernünftiger Zeit zu einem Resultat zu kommen.

Und dann gleich noch einen weitere Frage, diesmal an die geschätzten Ottonormal-User gerichtet: Wie relevant ist Facebook für euch im März 2011? Wofür nutzt ihr den Dienst in erster Linie? Ich freu mich auf spannenden Input!

Und jetzt poste ich diesen Artikel auf Facebook.